Buch 
Die Wandgemälde von S. Angelo in Formis / Franz Xaver Kraus
Entstehung
Seite
15
JPEG-Download
 

VON FRANZ XAVER KRAUS

l 5

Spruchbändern verkündigen: der mittlere hat: TEMPVS AMPLIVS NON ERIT, derzu seiner Rechten: VENITE BENEDICTI PATRIS MEI, der zur Linken: ITEMALEDICTI IN IGNEM ETERNUM. Rechts und links von diesen drei Engelndie ruhig dahinziehenden Züge der Beseligten und der Verdammten. Beide Kate-gorien zählen gekrönte Fürsten, Bischöfe, Mönche, Bürger, geringere Leute in ihrenReihen: für die Zeit hochinteressante Kostümbilder, die ein eingehenderes Studiumverdienten. Die Thüre zerschneidet ein unterstes, fünftes Feld, in welchem derKünstler die Freuden des Paradieses und den Jammer der Stadt ewigen Schmerzesvorgeführt hat. In jenem sieht man Gott preisende Seelen in heiliger Versammlung,im Hintergründe drei Bäume und eine riesige Lilie, die der altchristlichen Kunst ent-lehnte Andeutung der Früchte des ewigen Paradieses, welche emporschwebendeSeelen pflücken. Diese blühenden, schönen Bäume sollen auch nach der Anweisungdes Malerbuches vom Berge Athos die Darstellung des Paradieses schmücken. Dieentgegengesetzte Seite birgt rechts in der Ecke die grünliche, sitzende Gestalt desHerrschers der Unterwelt, der, eine lange Kette am Halse, auf dem Schofse die zuerlesenster Höllenqual bestimmte Gestalt des Verräters des Herrn (sie ist mit der Bei-schrift IVDAS bezeichnet), eine andere zwischen den Beinen hält, während Teufelbeschäftigt sind, die Seelen der Verdammten Lucifer als neue Beute zuzuführen.

Diese grofse, bedeutende Komposition kann von byzantinischen Einflüssen nichtgänzlich freigesprochen werden. Das dramatisch belebte Treiben in dem unterstenFelde, weit mehr noch die Gesichtstypen der im weiten Felde geordneten Scharen ver-raten aber, wie man D. Caravita wird zugeben müssen, die sveltezza ed eleganza italiana.

So urteilt auch Springer in seinem Aufsatz über das jüngste Gericht: »das Wand-gemälde in S. Angelo in Formis stammt aus der zweiten Hälfte des XI, das Mosaik-bild auf der Westwand des Domes in Torcello aus dem XII Jahrhundert. Merk-würdig, das jüngere Werk ist offenbar unter dem unmittelbaren Einflüsse der byzan-tinischen Kunst entstanden, das ältere erscheint nicht allein von jenem wesentlichverschieden, sondern zeigt auch deutliche Anklänge an die im Abendlande üblichenSchilderungen des jüngsten Gerichtes. Das Wandbild in S. Angelo entstammt derSchule von Monte-Cassino und ist, wie man aus der grofsen Zahl der Mönche unterden Seligen wie unter den Verdammten ersieht, auch innerlich aus mönchischen, imKloster gepflegten Anschauungen hervorgegangen. Es ist gleichsam ad usum mo-nachorum komponiert. Schon dadurch erscheint das Gemälde als ein vollständiggedachtes, nicht nach fremden Mustern kopiertes Bild.« »Wie in den Werken derSchule von Monte-Cassino überhaupt, bemerkt man in den Gewändern der Aposteleinen engeren Anschluss an die altchristlichen Vorbilder, als dieses in den gleichzeitigenbyzantinischen Gemälden der Fall ist. Nur gezwungen und willkürlich kann mandaher einen unmittelbaren, byzantinischen Einfluss in der Freske von S. Angelobehaupten .«

HAUPTAPSIDE

Sehr ausführlich hat schon Schulz das Gemälde der Hauptapside beschrieben,welches dann Salazaro in farbiger Abbildung reproduziert hat. Auch hat bereitsErsterer darauf aufmerksam gemacht, wie die Umgrenzung der Apsis durch einegemalte Säule und einen von ihr ausgehenden, in verschiedenen Farben schillerndenMäander ein gutes antikes Element aufweist. Auch in der Darstellung des heiligenGeistes an der Decke dieser Tribüne glaubt Schulz eine Einwirkung der Antike zu