Buch 
Die Wandgemälde von S. Angelo in Formis / Franz Xaver Kraus
Entstehung
Seite
17
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VON FRANZ XAVER KRAUS

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Dr. Vöge hat endlich als Vorort der deutschen Malerei schon für das X Jahr-hundert Köln, und zwar das dortige Domkloster als eigentlichen Hauptsitz derselbenerklärt. Daneben wirkt seiner Annahme nach freilich auch Reichenau , aber dochnur in zweiter Linie. Das muss in einer gewissen Beziehung schon deshalb wahrsein, weil ein namhafter Teil der in Betracht kommenden Denkmäler der Buch-malerei den Wandbildern auf der Reichenau zeitlich vorausgeht; denn höher alsder Ausgang des X oder Anfang des XI Jahrhunderts können letztere nicht angesetztwerden. Gleichwohl muss ich die Richtigkeit der Springer-Vögeschen These an-zweifeln. Die Kleinkunst kann nur da eine bestimmende und führende Rolle gespielthaben, wo der monumentalen Kunst keine entsprechenden Aufgaben gestellt wurdenoder diese nicht im Stande war, solche Aufgaben zu lösen. Wir wussten aber längstaus der Litteratur und Geschichte, dass das Zeitalter der Karolinger und Ottonen der Wandmalerei bedeutende Aufgaben gestellt hat, und wir wissen jetzt, durch dieReichenau und S. Angelo belehrt, wie dieselben gelöst wurden. Unter diesen Um-ständen ist nicht anzunehmen, dass die monumentale Kunst der Miniaturmalerei dieFührung sollte überlassen haben, sondern Alles spricht dafür, dass sie, die Wand-malerei, im Gegenteil die Vermittelung der altchristlich-römischen Tradition in ersterLinie übernommen und bewerkstelligt hat. Die Fresken von S. Georg auf der Reichenau ,von Burgfelden und von S. Angelo in Formis sind die letzten auf uns gekommenenmächtigen Zeugen dieser mit dem letzten Viertel des XI Jahrhunderts sich auslebenden,rückwärtsblickenden Kunst: wenige Jahre noch, und jener geistige Friede, der bisdahin über der wenn auch bürgerlich noch so sehr zerrissenen Gesellschaft Mittel-europas gewaltet, wird zerstört: in der ungeheuren Bewegung der Seelen tritt ein Bruchder Empfindung, ein Wechsel in der Anschauung des ganzen Lebens und all seinerVerhältnisse ein, welcher die letzten Regungen altchristlich-römischer Vorstellungs-weise in der Malerei hinweghebt und ganz neuen Vorstellungen und Formen Einlassgewährt. Der Schöpfer von S. Angelo war der Erste, der, als Papst Victor III , derErbe jener neuen Situation wurde, welche Gregor VII herbeigeführt hatte: es istseltsam genug, zu sehen, wie er wenige Jahre zuvor mit dem von ihm an demMonte Tifata geschaffenen Bildercyklus der letzte Zeuge einer untergehenden geistigenWelt geworden war.

Gedruckt in der Reichsdruckerei.