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Oft hing das Geschick alter verdienter Soldaten, und somit ganzerFamilien, von dem Auffassen des richtigen Zeitmaaßes oder des vor-schriftsmäßigen Degenhaltens beim Parademarsche ab. VierundzwanzigStunden Arrest folgten unausbleiblich auf's Unterlassen des blitzschnel-len Augapfclwerfens beim Commando: „Augen links!"
Wie sich Ertreme wirklich oft wunderbar berühren, so wurde auchmir, freilich nach manchem schweren inneren Kampfe und nach oft ge-waltsamem Unterdrücken der Zuflüsterungen gehegter und gepflegter Wün-sche, das nunmehrige Klappern meines Handwerks zur wichtigsten Lebens-aufgabe; ich konnte in Verzweiflung gerathen, wenn beim dritten Tempodes weiland dahingeschiedenen Präsentirens der Daumen der linken Handnicht vertikal, die Spitze des kleinen Fingers nicht horizontal in der an-gewiesenen Lage ruhcte.
Und dennoch fehlte mir das eigentliche Zeug zur Ausübung diesesGeklappers, und im tiefsten Innern tönte es immer lauter und ver-nehmlicher:
„Wie ist es möglich, so deine edle Lebenszeit mit etwas zu ver-geuden, zu dem der Mensch als Mensch so eigentlich gewiß nichtgeboren worden ist!"
Mein damaliger Divisions-Commandeur war ein Mann, ein Vor-gesetzter und ein Militair vor dem Feinde und im Frieden, wie er imBuche steht. — Dies ebenfalls eine Bezeichnungsphrase in ächter Sol-datensprache, um das Vollkommenste anzudeuten.
Wenn General von Natzmcr — der brillanteste Reiter, den ich je inmeinem Leben gesehen habe — an die Truppen heransprengte, rasch, kräf-tig und präcis wie der Gedanke das Commando gab, und dann jederEinzelne seine höchste Spannkraft aufbot, solchem Vorbilde nachzueifern;dann wahrlich gelangte man zur Ueberzeugung, daß das eigentliche Ele-ment des Soldaten doch der practische Dienst ist. Gelehrsamkeit des Mi-litairs ist gut, gewiß und wahrhaftig aber besser doch der praktisch männ-liche Sinn und die That, und wenn dann beides, innig vereint, den Be-fehlen und Handlungen des Vorgesetzten das entschiedenste Gepräge giebt;dann ist es wirklich herrlich und würdevoll über Alles ein Soldat zu sein.
Dies waren gewiß damals die Gefühle eines jeden Einzelnen des schö-