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2 (1847) Fünfzehn Friedensjahre. Aufenthalt in Russland, Rückkehr 1830. Feldmarschall Graf Gneisenau und General der Infanterie von Grolman. Die Citadelle von Antwerpen vom October 1830 bis Ende 1832. Aufenthalt in Holland / von Wilhelm von Rahden
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bunte Getäfel und Geflitter unserer Uniformen unter dem Pudcrmanteldes Havel- und Sprcesandes dem Auge unkenntlich geworden war, wennalle physischen Kräfte im Verscheiden; dann hieß es:Leute, den letz-ten Nerv angestrengt jetzt kommt der Parademarsch!" Nunalso trat die eigentliche Weihe solcher 4 bis 5 Stunden andauernden Höl-lenqualen am heißesten Junitage in den Vordergrund.

Wie wandernde Mumien vollführten wir nunmehr den damals, wennauch nicht fast göttlichen, gewiß aber übernatürlich schönen Parademarsch-

Parademarsch! Zauberformel unserer Erercirplätze, Schrcckcnswortfür Zugführer und Flügelmänner, Posaunenstoß für die aus süßemSchlummer erwachten schließenden Officiere, Musik den Ohren gähnenderZuschauer du durchdringst mit elektrischem Schlage eine große Anzahlängstlich pochender Soldatcnherzen. Wie ist auf einmal die unbeweglichestarre Masse in Leben und Thätigkeit versetzt; Schnupftücher aller Far-ben wehen den Staub vom Lederzeuge, Bürsten cursiren in den Hän-den dienstbeflissener Corporale, selbst der ernste, den kleinen Schwächender Menschheit bisher unzugängliche Hanptmann verliert sich still hin-ter dem dritten Gliede und zieht verstohlen einen kleinen Taschenspiegelherwor, denn

Diesmal gilt es, nicht der Vernichtung der Feinde, nicht der Ver-theidigung des Vaterlandes Possen! wir leben ja, Gott sei Dank! imFrieden es gilt dem Parademärsche vor jenem besternten Herrn mitweißem Fedcrbusche, der, umgeben von seinen Adjutanten, dort in einigerEntfernung hält, und aus dessen und deren Mienen ein interessantes Ge-misch von Mcnschenhaß und Sehnsucht nach dem Frühstücke spricht.

Eilen wir an die Seite der Hclmbebuschten, oder besser der panacllosblan68, denn schon naht sich die in der Sonne glänzende Colonne,an ihrer Spitze die wirbelnde Schaar der Trommelschläger, voran denMann des Volkes, den populairen Abgott der Straßcnjugcnd, den ei-gentlichen Anführer des Ganzen, den Regiments-Tambour. Hoch anGestalt, breit an Schultern, sieht man ihm an, daß er fühlt, was es heißtder Erste zu sein. In seiner Hand hebt sich nun der tactgebietcnde Stock,die Kalbfelle schweigen, und 40 goldstrahlende Hautboisten beginnen denMarsch aus Wilhelm Teil.