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Wer z. B. von meinen liebenswürdigen Lesern mit uns jenenzehntägigen Marsch durch die verödeten, von der Sonnenhitze erglühtenSteinklüfte und Granitmassen auf den westlichen Abhängen der Pyrenäen,den aufgerissenen, Halmlosen, ockergefärbten Boden, ohne eine labendeDuelle, aus gütiger Felswand sprudelnd, und ohne ein Stückchen Brod,vielweniger einen Mannaregen, durchgemacht hätte, der würde — diesist ganz gewiß — auf immer von jener bezeichnetet: Idee befreit sein.Auch erquickten uud mundeten uns armen Carlisten heut Morgen diehalbreifen Kirschen und Früchte an den Schlehen- und Brombeerhecken,die kleinen, steinharten Brödchens und der Trunk aus bockranzigenWeinschläuchen, die uns das neugierig herbeigelaufene Landvolk darreichte,viel mehr, als der prachtvolle Sonnenaufgang, die üppig blühendenFluren, die gothischen Thürme und die goldenen Domkuppeln unseresgesegneten Kanaans.
So schien thatsächlich jede Poesie in den leeren Magen hinabge-fallen zu sein. — Doch nein! Eben erinnere ich mich, daß währenddes letzten Nachtmarsches ein Marquis de Pina, der gleich uns sichder Erpedition angeschlossen hatte, mit einer wunderbar wohltönendcnGesangstimme Arien und Reminiscenzen aus den nettesten und belieb-testen Opernterten vortrug. Wir ritten an der Töte einer Kavallerie-Kolonne, deren Reiter in ihren weißen Mänteln tief verhüllt und mitden im Mondenschcin hellblinkenden Lanzenspitzcn und blutigrothenFähnleins einer geisterartigen lautlosen Kriegcrreihe verglichen werdenkonnten. Orpheus-Pina's Töne hatten auch sie wie bezaubert, dennselbst die Pferde schienen leiser aufzutreten.
Unser junger Fürst — so soll hier in diesen Blättern fortan FürstLichnowsky genannt werden — ritt als der Führer an der äußersten Spitzeder Kolonne, auf einem prächtigen Fuchs-Engländer, dicht um ihn diewenigen Preußen und Deutschen. Alles still und wie regungslos.Aur er versuchte es einige Male, halblaut in die Gesangsweise mit^zustimmen. Wenn jedoch aus dem Oberon das Heimathlied ertönte,dann rückten wir unsere Pferde näher zusammen und drückten uns imWonnigen Entzücken die Hände. Otto Rappard rief einmal laut auf:"Liebe, liebe Heimath!" und gleich darauf, als ob er sich des weich