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halbjähriger Dauer in eisige Wintertracht hüllt, und selbst in demübrigen Theile des Jahres als säst gänzlich abgestorben erscheint.Diese nahe Berührung der klimatischen Extreme bilden sonderbareEffekte.
In der Mittagshitze ruhten wir unter Palmen, Datteln und inOrangenhainen, und was uns die Gegenwart von allen den poetischenGenüssen jenes Edens noch versagte — nun wir sahen ja das ersehnteKanaan dicht vor uns liegen, das herrliche Valencia nämlich, mitseinen zahllosen grünen Thürmen und Thürmchen, welche wie Minaretsaus den Zauberreichm des Orients in unsere wachen Träume herüber-lachelten und wahrhaftig! die berauschenden Bilder der Scheherazadetraten verwirklicht vor unser Auge.
Weit vor uns floh der Feind, seine Satelliten versteckten sichhinter Wälle und Mauern; so im alten Sagunt, dem heutigen Mur-viedro, aus dessen kreideweißen Bollwerken uns einige feindliche Kanonen-kugeln begrüßten. Vom Gefühle des Sieges gehoben, die Brust leichtaufathmend, die Hoffnung die Segel schwellend, so lustwandelten wiröfters spät in den Abend hinein, bis uns die vom Monde zauberartigbeleuchteten Dörfer und Villen, zwischen riesigen Cactus und Alo«und Weinreben prangend, aus dem Halbdunkel südlicher Nächte ein-ladend winkten.
Das waren Wonnegenüsse, wie eine lebhafte Phantasie wohl mitden glühendsten Farben sie auszumalen versteht; der Siegestaumel unddie herrliche Gegend konnte nach so vielen und harten Entbehrungenunsere beglückten Gefühle wohl noch erhöhen und steigern, und ver-mögen noch heut unsere Erinnerungen bis zur Begeisterung zu er-heben; aber überhören und vergessen wir auch darum nicht dieStimmung und die Empfindungen im Augenblicke selbst, welcher derHandlung vorangeht, hier unsern Lesern darzustellen.
In meinem an Ort und Stelle, wie immer, pünktlich und ge-wissenhaft geführten Tagebuche steht folgendes über jene zwei Tagevor Valencia.
Den 11. Juli. Abmarsch früh 5 Uhr aus Estibella, so hieß unserletztes Nachtquartier auf dem Siegeszuge nach der Hauptstadt Valencia's-