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Die Vertheidigung von Strassburg im Jahre 1870 : mit 2 Tafeln und einem Holzschnitte / von Moriz Brunner
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Die Vertheidigung von Stiassburg im Jahre 1870.

b) Verwendung der Artillerie.

In der Festung waren über 1000 Geschütze vorhanden (1070 wurdenam Tage nach der Übergabe gezählt, darunter nur 92 demontirl, und zwar17 gezogene 24Pfünder, 38 gezogene 12Pfiinder, 35 glatte Kanonen, 2 gezo-gene Feldgeschütze, kein Mörser).

Das französische Artillerie-Materiale ist bekanntlich um Vieles schlechterals das preussische, und hallen insbesondere die Granatzünder und Shrapnellmit den preussischen keinen Vergleich aus. Die französischen Kanoniere be-standen in der Hauptmasse aus Recruten. Sie mussten aber endlich doch imLaufe der Belagerung geschickte Artilleristen geworden sein.

Der Vertheidiger hatte somit an Geschützzahl, der Angreifer im Mate-riale und durch die umfassende Position eine grosse Überlegenheit. Konnteerslerer den Fernkampf mit dem Gegner Anfangs nicht aufnehmen, weil dieAngriffsfront nicht entsprechend armirt war, so musste man dies möglichstbald nachholen, um in den der Vertheidigung günstigeren Momenten desNahkampfes wehrhaft dazustehen.

Die guten Geschütze mussten nach und nach alle auf die Angriffs- unddie Nebenfronten geschafft werden, denn der Angriff auf die andern Frontenwurde immer unwahrscheinlicher.

Die Lünetten, die beiden Hornwerke, der Hauptwall, die Contregardender Westseite mussten mit Geschützen im wahren Sinne des Wortes bespicktsein; dem war aber nicht so. In den Lünetten 53 und 52 standen je 6 Ge-schütze. Auf der wichtigen Contregarde vor Nr. 12 war gar keines aufge-stellt, sonst wäre die Tonnenbrücke vor Nr. 52 bald zertrümmert worden.

In dem Masse, als die Zerstörungen am Hauptwalle ärger wurden(am 21. September schien er übrigens nochgrün hervor, wie sich einCorrespondent ausdrückt), mussten die Collateral-Linien, die Werke vor derFinkmatt-Bastion armirt werden.

Konnte man endlich durch directes Feuer nicht mehr aufkommen, wiees bis jetzt noch schliesslich bei jeder Belagerung der Fall war, so musstendie gefährdeten schweren Kanonen einfach zurückgezogen, aber für alle Fälleauf den angegriffenen Werken einige Kartätschengeschütze intact erhaltenund verdeckt aufgestellt werden, um zur Nachtzeit zeitweise einen Kartätsch-hagel gegen das Glacis und Vorfeld zu senden, welcher den ungedecktenVorgang bei Aushebung der Laufgräben unmöglich machte. Man mussteferner von den Nebenfronten, aus ganz versteckten Plätzen im Bogen überdie vorliegenden Festungswerke hinweg, indirect gegen die Batterien undLaufgräben schiessen und werfen; auf Ökonomie mit der Munition kam es jadoch nicht mehr an. Statt sie bei der Capitulation dem Feind zu überlassen,ist es doch besser, sie, wenn auch ins Blinde, gegen denselben zu verfeuern.

Ein Feuer aber, welches gar nie aufhören durfte, welches auch vomBelagerer kaum zum Schweigen zu bringen (und von dem Vertheidigerfactisch auch am längsten unterhalten wurde), ist jenes aus den Mörsern.