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12 (1860) Franz Baader's Erläuterungen zu sämmtlichen Schriften Louis Claude de Saint-Martin's / herausgegeben von Friedrich von Osten-Sacken
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richtung. Es sei aber, bemerkt er weiter, ein grosser Ruhm fürunser Geschlecht und eine grosse Weisheit der Vorsehung, dassalle aus der äusseren Ordnung dieser Welt entnommenen Beweiseso mangelhaft sind. Hätte nemlich diese Welt ein vollständigesZeugniss von Gott ablegen können, dann würde sich Gott mitdiesem Zeugen begniigt, und nicht nöthig gehabt haben, denMenschen zu schaffen. In der That, Gott hat den Menschengeschaffen, weil das ganze Universum, trotz aller Herrlichkeit,die es vor unseren Augen ausbreitet, niemals die wahren gött-lichen Schätze hätte offenbaren können. St. Martin weiset alsodarauf hin, dass nicht die äussere Natur und die darauf vomVerstände gebauten Begriffe uns vom Dasein eines höchstenWesens überzeugen können, sondern im Menschen selbst müssenwir die Wurzel dieser Idee suchen. Nichts in der Welt kannuns dies innere Zeugniss ersetzen; finden wir selbes nicht in derTiefe unseres Geistes, so ist es vergeblich, Gottes Dasein zubeweisen.

In gleichem Sinne hat sich schon Jacob Böhme in demdreifachen Leben des Menschen (c. 1, v. 4849) vernehmenlassen: Forschet nach der Schrift Herzen und Geiste, lesenwir hier, dass Er in Euch geboren werde und Euch das Çentrumder göttlichen Liebe aufgeschlossen werde, so möget Ihr Gotterkennen und wohl von ihm reden ; denn aus der Historie sollsich Keiner einen Meister im Erkennen und Wissen des göttlichenWesens nennen, sondern aus dem heiligen Geiste, welcher ineinem anderen Principio, im Centro des menschlichen Lebens demrechten ernstlichen Sucher erscheint: Wie uns denn Christus beiseinem Vater, als im Centro des Lebens mit rechter ernsterbegehrender Demuth heisst anklopfen und suchen. Denn Niemandkann Gott seinen Herrn erkennen, recht suchen und finden ohneden heiligen Geist, welcher aus dem demüthigen Herzen ausgehtund das Gemüth erleuchtet, dass die Sinne erleuchtet und dieBegierde zu Gott gewendet wird. Der findet allein die theureJungfrauWeisheit, welche ihn leitet auf rechter Strasse und>hn führt zum frischen Wasser des ewigen Lebens und erquicktseine Seele.-