Tiger, die sie nicht sehen, und die ihnen darum nur desto schreck-licher und gräulicher sind*). — So geht es beiläufig mit demIdeal, das man sich von einem grossen Manne macht, den mannur aus wenigen Datis kennt. So mit jedem Ideal, Bilde, dasman dem Namen eines noch unbekannten Dings unterschiebt. S.Platner’s Anthropologie § 505—515.
Man trägt immer ein (klareres oder dunkleres) Ideal vonVollkommenheit, Güte mit und in sich herum, und jede Gelegen-heit kommt erwünscht, wobei man diesen dunklen Schattenrissgleichsam illuminiren — wahrmachen kann. Jungen und sonstguten und lebhaitfühlenden Leuten begegnet so was bei allenihren Freundschaften und Liebhabereien sehr oft, wie ich glaubeund aus eigener Erfahrung weiss. — Ich habe noch wenig Leutekennen gelernt, die meiner Erwartung Genüge gctlian, oder siewohl gar übertroffen hätten. Ich haschte immer nach Engeln,wünschte so gern meinen Traum als Wahrheit zu sehen — undfand immer Menschen, und leider oft noch etwas Geringeres. S.Agathon’s Charakter**). — Ja: die gütige Natur oder vielmehrGott hat in jeden Menschen so ein Ideal, Vorbild von Güte,Grösse &c. eingegraben, dem er sein ganzes Leben durch nach-leben und sich ihm nachbilden soll, das sich aber in dem Ver-hältnisse, in dem er sich ihm nähert, erweitert und vergrössert:Denn wer hinieden hat wohl sich selbst erreicht? — Jemehrman weiss, desto mehr will man wissen, ein Fünkchen von Sonnegeht auf, und von tausenden bricht die Dämmerung an. Wissen
*) In späteren Jahren würde Baader diese Verehrung der Söhne undBarden für die glorreichen Väter nicht mehr von dem der Seele immanen-ten Ideal abgeleitet, sondern, gleich St. Martin, in diesem Factum nureine ocvapvrjct? hoher paradisischer Vergangenheit angeschaut haben. Inder Auffassung des Ideals, wie sie in der vorliegenden Stelle stattfindet,erkennt man entschieden den Kantischen Ausgangspunkt. D. H.
**) Eine so widerliche Gestalt die des Wielandischen Agathon auchfür Jeden ist, der in sich, wie in dem Menschen überhaupt einen höherenBeruf anerkennt, so hat dessen künstlerische Darstellung doch den gros-sen Vorzug, den Menschen mit all’ seinen Tugenden, Schwächen undLastern dem Auge in der naivsten Form vorzuführen. Unter diesem Ge-sichtspunkt kommt auch Baader noch einige Male auf Agathon zurück.
D. H.