Eben läuft mein Bruder, ein froher, muntrer Knabe von 7Jahren zu mir herein und erzählt mir mit freudetrunkenem Auge,wie soeben „ein wundergrosser Geier eine wundergrosse Henne“im Maule über den Hof durch die Luft davon getragen habe.-— Ich weiss, was an der Sache ist. Es war ein kleiner Sperbermit einem jungen Sperling in der Klaue. Das habe ich gesehen.Gesehen hat mein Bruder in der Wahrheit wohl auch nieht mehr.Aber damit ist seine nach Nahrung dürstende Knabenseele nichtzufrieden. Ein grosser, grosser Adler mit einer grossen, grossenHenne im Maul würde ihrem Haschen nach Wundern willkommensein, dies Bild sie mehr ausfüllen: und siehe! ohne Arglist undTrug zu denken wirft sie historische Treue weit weg und maltsich das Bild selbst nach Herzenslust und Bedürfniss hin, — undes würde nun schwer halten, sie ins dürre Land der Wirklich-keit zurückführen zu wollen. Sich hat sie eigentlich vorgelogenund nun wurde sie gleichsam gezwungen, auch Anderen dieseLüge aufzuheften. Siehe den Ursprung aller Dichtkunst! V. Bacode augm. scient. lib. II., c. XIII* *).
der Berliner Akademie gekrönte Abhandlung und Preisschrift „Ueber denUrsprung der Sprache“. Yergl. Hamanns Werke B. IV. S. 6 — 72.
D. H.
*) Poesis est genus doctrinae, verbis plerumque adstrictum, rebussolutum et licentiosum; itaque, ut initio diximus, ad phantasiam refertur,quae iniqua et illicita prorsus rerum conjugia et divortia comminisci etmachinari solet. ... Constituimus eam (seil.'poesin) ab initio Doctrinaetnembrum principale , eamque juxta historiam collocavimus, cum nihil aliudsit, quam historiae imitatio ad placitum. ... Cum mundus sensibilis sitanima rationali dignitate inferior, videtur poesis haec humanae naturaelargiri, quae historia denegat, atque animo umbris rerum utcunque satis-facere, cum solida haberi non possint. ... Cum historia vera, obvia rerumsatietate et similitudine, animae humanae fastidio sit, reficit eam poesis,inexspectata et varia et vicissitudinum plena canens. ... Aliam aliquamPartem in poesi desiderari non invenimus, quin potius cum planta sitpoesis, quae veluti a terra luxuriante absque certo semine germinaverit,s upra ceteras doctrinas exerevit et diffusa est. t&c. &c. Die hier bezeich-nte Genesis der Poesie, gleichsam als Uebertreibung der Wirklichkeit,tat zwar Wahrheit, aber doch nur einseitige, ja mehr nur Phänomenologieder Poesie, als ihr wirklicher Kern. Schlagend hat ihre innerste Wesen-haftigkeit Baader entwickelt in seinem erhabenen Aufsatz: „Ueber den