Ausartung der pietistischm Schuld.
Und während bei Einigen die den Uebungen zu Grunde liegen-den religiösen Gefühle einschlugen und für das ganze Leben aus-hielten, wurden Viele deslv schlimmer, je besser sie scheinen solltenoder wollten: Lüge und Heuchelei, liebloses Richten und Phari-säismus stellten sich als Erziehungsresultate ein, und indeß aufeiner Seite bei einzelnen Individuen alle frische und individuelleLebenskraft unterdrückt wurde, daß sie in ihrem ganzen Lebennicht thatkräftig und muthvoll aufzuathmen vermochten, brach aufder anderen Seite in starken Naturen das lang verhaltene undzurückgehaltene Feuer des Selbst später in Leben und Kraft ver-zehrenden Flammen aus. Die Religion ward Vielen verhaßt;die Frömmigkeit ward zum Gespött. Und doch waren zuletzt reli-giöse Uebungen und religiöser Unterricht die einzigen Unterrichts-gegenstände geblieben, weil alle Wissenschaft, die nicht in unmittel-barer Beziehung zur Religion stand, verachtet wurde. Die Zuchtder pietistischen Schulen zielte zuletzt also auf Unterdrückung allesSelbstgefühls, auf Einarbeitung von Zaghaftigkeit und Schüch-ternheit. Die Ruthe und der Stock waren das vorzüglichsteInstrument der Kindererziehung geworden, und was der Stocknicht that, das leistete der Mechanismus des Unterrichts. Roh-heit war das Spiegelbild der abstracten Frömmigkeit. Die Schu-len der Pietisten sanken dadurch naturgemäß in der öffentlichenMeinung. Die weitere Entwicklung der Erziehungsidee ging überdie pietistischen Schulen hinweg, nachdem sie den Grund der neue-ren Entwicklung des Schulwesens gelegt und namentlich die Be-rechtigung der verschiedenen Stände zu einer ihnen angemessenenBildungsweise betont hatten.
„Von den beiden Objecten der Sittlichkeit, dem individuellenLeben und der Gemeinschaft, fing der Pietismus bald an, dieletztere gering zu achten; die Idee eines Gemeinlebens, sowohldes kirchlichen, wie noch mehr des volksthümlichen, wurde ihmfremd; es fand grundsätzlich eine Beschränkung auf den nächstenkleinen Kreis Gleichgesinnter und auf die enge Gemeinschaft derfür wiedergeboren Geltenden statt. Er vergaß, daß das Evan-gelium ein religiöses Volksleben will und als Sauerteig die Massezu turchdringen bestimmt ist: gehet hin in alle Welt. Wie man