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XIX. Jahrhundert.
Frau von Stael-Holstein.
Anne Louise Germaine Necker, Tochter des berühmten Genfers,der als Finanzminister Ludwigs XVI. so grossen Antheil an der französischenStaatsumwälzung hatte, ward geboren den 22. April 1786. In dem Gesell-schaftskreise ihrer Mutter, der aus den bedeutendsten Gelehrten und Schön-geistern der Hauptstadt bestand, entwickelten sich bald die ausserordentlichenTalente, womit die Natur sie ausgestattet hatte. Wenige Jahre vor der Re-volution (1786) wurde sie mit dem Baron Stael-Holstein, damaligem schwedi-schem Gesandten an dem französischen Hofe, vermählt. An den Ideenkämpfender Zeit nahm sie den lebhaftesten Antheil, und sprach besonders ihre An-sichten in ihren Lettres sur les ouvrages et le caractere de Jean Jacques Rous-seau aus, die sie in ihrem zwanzigsten Jahre schrieb. Anfangs eine eifrige-Anhängerin der Revolution, und mit einigen Häuptern derselben in engerVerbindung, entrann sie nachher mit Mühe den blutigen Septembertagen1792, und begab sich zu ihrem Vater nach der Schweiz, wo sie auf dessenLandgute Coppet am Genfersee mehrere Jahre verlebte. Nach der erstenBeruhigung des Revolutionssturnies eilte sie, von ihrer Sehnsucht nach denPariser Cirkeln getrieben, wieder in die Hauptstadt, wurde von dem Direkto-rium fortgewiesen, durfte jedoch bald nachher wieder zurückkommen. Indesserhielt Frankreich die Consularregierung, an deren Spitze Napoleon Buona-parte stand. Frau von Stael suchte sich an den gefeierten Helden auf eineetwas unzarte und zudringliche Art anzuschliessen; und da dieser ihre Zu-neigung ablehnte, ward die reizbare und in allen ihren Empfindungen sehrheftige Frau seine abgesagte Feindin. Der erste Consul behauptete, ihreWohnung sei ein wahres Zeughaus von Verläumdungen und Angriffen gegenihn und seine Regierungsweise. Im Jahr 1802 gab sie Delphine heraus, einzartes und treffendes Gemälde der Leiden des Gemüthes durch die Welt, undder Fehler, die aus diesen Leiden entspringen. Dieser Roman, in welchemsie sich selbst getreu geschildert haben soll, wurde, unter dem Vorwände,dass er unsittliche Grundsätze enthalte, in Frankreich verboten, und die Ver-fasserin erhielt Befehl, Paris zu verlassen. Nicht in den Pariser Cirkeln lebenzu können, schien ihr das grösste Unglück; sie bat daher zu wiederholtenMalen um die Erlauhniss, dahin zurückkehren zu dürfen, bekam aber nur dieAntwort: der erste Consul überlasse ihr den Erdkreis; nur Paris wolle er fürsich behalten. Sie bereiste nun in Begleitung August Wilhelm SchlegelsItalien, auf welcher Reise sie ihren berühmten Roman Corinne ou VItalicschrieb, worin das Leben zugleich von seiner schönsten und schmerzlichstenSeite dargestellt wird. Die Frucht ihrer später durch Deutschland unter-nommenen Reise war das Werk De VAUemagne, das in Paris 1810 erschien,wovon aber die ganze Auflage sogleich von der Polizei in Beschlag genommen,und bis auf wenige Exemplare, die man heimlich rettete, vernichtet wurde.Sie ruft darin den von Napoleons Herrschaft gedrückten Deutschen zu: Vousetes une nation, et vous pleurei! Von hier fangen ihre grössten Verfolgungenan; der Aufenthalt in Frankreich wurde ihr gänzlich untersagt, und sie nachCoppet verwiesen, indem man ihr verbot, das Schloss zu verlassen. Dortnahm sie den schwer verwundeten Rocca, einen französischen Offizier, auf,pflegte und heiratliete ihn. Um sich den Verfolgungen ihres mächtigen Fein-des zu entziehen, reiste sie 1812 nach Oestreich und Russland, Yon da nach