126
uns abbringt. Mein Buch wird übrig bleiben. Enthält esWahrheit, desto besser; endlich findet sie vielleicht Eingang,vielleicht auch nicht; das hängt ab von dem Ton der Zeiten.Galilei hat, mit der Kerze in der Hand, an dem Altar eineWahrheit abgeschworen, wird sie darum jetzt weniger erkannt?Zuverlässig hätten meine Gründe durch mein Unglück anStärke nichts gewonnen; man hat auch für den Irrthumgelitten, und der Tod mancher gespießter falscher Apostel hatihre Lehre nicht bestätigt. Indessen haben die Herren, umihre Rache zu vergnügen, ein lächerliches Schauspiel gege-ben; die Kirche hatte längst die fromme Apathie des Moli-noS, die süße Träumerei der Dame Guion, welche sie diereine Liebe Gottes nannte, und die Maximen der Heiligen,ihres Freundes Fenelon, verdammt; sie lehrt also, daß manGott, nicht schwärmerisch, ohne Grund, sondern wegen seinerWohlthaten lieben müsse: Eigennutz ist Christenthum. Inder Religion wird die Neigung geduldet; mich verfolgtensie, weil ich dergleichen bei dem natürlichen Menschen ver-muthe; und ist es nicht lustig, daß sie gerade in der merk-würdigen Zeit auf den Eigennutz schimpften, als ihr Handelund Wucher herauskam, als sie den Banquerot vorbereite-ten, den kurz darauf Vater la Valette, und, Gott sey Dank!die ganze Gesellschaft gemacht hat? Aber Unverschämtheitist es eben, was unserer Geistlichen Bosheit von der Bos-heit des Weltmanns unterscheidet. Sie erröthen nie, ihreöffentlichen Sünden an Andern ohne Mitleid zu strafen, undsie kehren sich nicht daran, ob ihr Leben ihrer Lehre geradezuwiderspricht. Ein Laie, der Keuschheit predigte, würde wentg-siens den Enthaltsamen spielen. In die Kirchenfammlungenschleppten sie ihre Buhlerinnen mit, und verordneten Prie-ster-Cälibat.
Hier haben Sie den Prozeß dieses Widerrufes; entschei-