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Ode an Lycidas erzählt; auf dem Waisenhause suchte mandieser Neigung eine Richtung zu geben, die dem damalige»Charakter der Anstalt angemessen war. Aber von allen An-leitungen, die er hier erhielt, und die seines Geistes Flughätten lähme» sollen, nahm er blos an denen Theil, welcheihn zur Mythologie, zum Verstehen eines Dichters überhaupt,oder zu mechanischen Uebungen der Prosodie führten. Selbstdie kleinen Verfolgungen, die er beim Lesen selbst gewählterdichterischer Stellen, so wie über heimliche Entwürfe von Nach-ahmungen und über eigene Gedichte zu erdulden hatte, brachtenbei ihm die Wirkung hervor, die sie immer haben, müssen: sieverstärkten die Neigung, die sie unterdrücken sollten.
Bei seinem Aufenthalte auf der Universität zu Halle warder mit Glcim und Uz, den nachher so geschätzten Dichtern,bekannt. Aus der Uebereinstimmung ihrer Neigungen undAnlagen entstand eine Freundschaft, die mit den Jahren wuchs.Und gerade die Uebereinstimmung, welche man zwischen diesenzu ihrer Zeit einzigen deutschen Dichter» ihrer Gattung wahr-nimmt, läßt auf die gegenseitige Bildung, die einer demandern mittheilte, und auf ihr gemeinschaftliches Lesen undStudiren zurückschließen. Vierzig Jahre später sah Deutsch-land zu Göttingen einen ähnlichen Bund mehrer jungenDichter entstehen, welche die Nation mit Gesängen bereicherthaben, auf die sie stolz seyn kann.
Ramler ging von der Universität nach seiner Vaterstadtzurück und setzte seine Studien für sich fort. Im Jahre1746 kam er nach Berlin, wo sein Vater vorhin gestandenund noch Freunde hatte. Nach dem damaligen Zustande derLiteratur war eS für Ramler schwer, eine Lage zu wählen,worin er durch keine zu trockene, zu heterogene Beschäftigungen