Buch 
Anthologie aus den Gedichten von Ramler, v. Schenkendorf und Neubeck
Seite
156
JPEG-Download
 

136

Fürchtet darum kein Tadlergesicht, da- die Miene der Weis-heit

Heuchelt, und Freuden verdammt, die selbst die strengere

Lugend

Williget. Aber vernehmt die Stimme der sanfteren War-nung.

Sittliche Grazie weihe veredelnd eure Gefühle,

Euer zartes Verlangen, und eure geliebteren Wünsche!

Fürchtet, sobald ihr diese beleidigt, den Zorn Hygieens.

Zwar an dem Schuldigen rächt sich nicht selbst der Göttinnen

beste,

Nur zum Segen der Welt erkor sie der Vater der Men-schen,

Aber sie wendet sich weg von dem Frevler, und winket der

hehren

Nemesis. Wehe dem Unglückssohn, den diese verfolget!

Wem mit richtendem Ernst die Vergelterin Böses verhänget,

Solcher entrinnt aus Erden hinfort herznagendem Gram

nicht.

Freundlos irrt er umher, und klagt sein banges Geschick nur,

Bei wehdrohender Vögel Geächz, einödigen Wäldern.

Ihm bekränzt umsonst sich der Mai; sein hellest» Wohllaut

Tönt ihm wie Todtengesang. Und ach! wie welket die

Blüthe

Seiner Wangen dahin! Wie bleicht frühzeitiges Alter

Ihm die Locken! Beweint ihr Nymphen, beweinet den Jüng-ling !

Ihn zu retten vermag selbst euer belebender Quell nicht;

Denn Hygiea zürnt, und Nemesis rächet die Göttin.

Doch bei der goldenen Schale der Enkelin Päons beschwör'ich

Dich, zartfühlende Freundin, und jeglichen Trinker der Heil-

fluth,