Buch 
5 (1863) Fünfter Band. Kopal–Ozon
Entstehung
Seite
769
JPEG-Download
 

Orchideen 769

Schale. Die Eintheilung der Familie beruht zunächst auf der Stellung der Staubgefäße: solche,deren Staubgefäß (in der Regel nur eins) vor dem äußern Hüllkreis steht und solche, bei denendiese Organe vor dem innern Hüllkreise stehen. Erstere Abtheilung ist die bei weitem größte.Unter sie gehören zunächst die Ophrydeae, charakterisirt Lurch die angewachsene Anthere. Beiihnen ist der Pollenapparat besonders complicirt und einige Gattungen haben ein oder zweiTäschchen, um die Klebdrüse zu bergen. Die Neottieae haben einen freien, aber bleibendenStaubbeutel. Der Blutenstaub ist bald in keiliger Wachsmasse, bald staubig. Die andern Ab-theilungen, die Euoperculatae, haben Deckelstaubbeutel, die abgehen. Die Nalaxideae habenWachspollenmassen ohne Anhängsel. Die Epidendreae haben solche mit Rollenschwänzchen. DieVandeae haben eben solche mit Zelleuschwäuzchen und mit Klebdrüsen. Die Arstlrussas endlichhaben breiige Pollenmasje ohne alle Anhängsel. Die andere Abtheilung ist die der Cypripedieae,welche nur aus drei Gattungen besteht. Die geographische Verbreitung ist über den ganzen Erd-ball, aber wie es wenige Eldorados gibt, so gibt es auch nur wenige Punkte, wo die Masse derOrchideenarten so groß ist, daß sie einen bedeutenden Procentsatz der Vegetation ausmachen. Soin gewissen Theilen Ostindiens, besonders in Mvulmeine, so in einem Theile Mexicos, in Neu-grauada, Ecuador, Panama. Hauptsächlich die Tropen sind im allgemeinen reich an Orchideen.Die Bizarrerie der Blutenformen ist eine ganz außerordentliche, woher es denn gekommen ist,daß sie von alters her Aufsehen erregten. Von jeher waren die Orchideen Lieblinge derer, diesie trafen. Selbst jene bescheidenen Gewächse dieser Art, die unsere Wiesen und Wälder bieten, sindimmer vom Volke geschätzt um Sträuße zu binden, welche man überall antrifft. Und die Sucht,Orchideen zu sammeln, ist bei jedem Anhänger so groß, daß viele der seltenen Arten in demUmkreise größerer Städte bereits völlig ausgerottet sind. Anch die Gartencultur hat ihre Opfergefordert. Nur wenige verstehen, einheimische Orchideen in Gärten zu erhalten, aber Tausendevon Fehlversuchen haben die schönsten Ophrys und Cypripedium ums Leben gebracht. DieseLiebhaberei ist nicht auf Europa beschränkt. Ueberall liebt nran die Orchideen und die malaiischenFürstinnen, die ihr üppiges Haar mit duftigen Orchidecnkränzen krönen, sagen, es wäre ja schondurch den Standort dieser Pflanzen auf hohen Bäumen bewiesen, daß nur die hochgestelltenDamen sie tragen dürsten. Die alten Ruinen, deren man in Venezuela viele findet, prangennoch heut im Schmuck der herrlichen Schomburgkia uudulata, die wol vor Jahrhunderten ge-pflanzt wurden. Und in Guatemala sowol als in Caracas hat man viele Orchideen viel eherals Decorationspflanzungen einzelner Hügel getroffen, als man sie an ihren: Originaljtandortefand. So ging es mit der berühmten Laelia superbiens. Und andere sind bis zum heutigenTage noch nie wild gefunden. Die Creolen lieben die Orchideen glühend. Es gibt Blumen, dieMe Gräber bekränzen, die üc>r de muertos, Oncidien; es gibt andere, die diesem oder jenemHeiligen gehören, zu dessen Tage sie blühen, noch andere, die den hochzeitlichen Prunk erhöhen.Naive Vergleichungen mit allerhand Thieren sind an der Tagesordnung. In Europa kannteman die tropischen Formen noch zu Linnö's Zeit nicht, man hatte keinen Begriff von ihren Merk-malen, geschweige von ihrer Menge. Zu cultiviren verstand man sie nicht und das Trocknen der-selben wollte nicht gehen. Nur die Erdorchideen wurden nach und nach etwas bekannt. Erst mitAnsang der dreißiger Jahre ist die Cultur mehr versucht worden und so großen Reiz bot die^lütenpracht für die Engländer und Engländerinnen, daß dort seitdem die Orchideenliebhabereieine Art nobler Passion, eine Art „Sport" geworden ist. Sammlungen wie die des Herzogs vonDevonjhire, der Herren Rucker, Mac Morland, Lordbischof von Winchester, vor allem die desHrn. Day haben heutzutage ihren Weltruf, wo die Liebhaberei plötzlich eine Steigerung erreicht^t, die niemand erwartet hatte. Auch der Continent hat seine Orchideenkönige, so ehedem Pes-sätore in Paris, jetzt Consul Schiller in Hamburg, der Besitzer der reichsten Sammlung, diei e existirt hat. Einige großartige Handelsgärtnerische Firmen sind mit der Geschichte der Orchi-deen eng verbunden. Vor allem die eingegangene Firma Loddiges zu Hackney, die jetzt blühendeAeitch in Chelsea und Exeter, Low in Upper alppton, Linden in Brüssel. Um eine Andeutungd°n der Großartigkeit des Geschäfts zu geben, sei das Beispiel der Phalaenopsis Scliilleriana""geführt. Kaum hatte das Unicum in Hamburg geblüht, als sogleich zwei londoner Häuser?"ss Ungewiße je einen Reisenden nach Manilla sendeten, die Pflanze zu holen. Und noch heut15 Guineen ein kleiner Preis für ein leidliches Exemplar. Besondere Emporien der Einfüh-lUn 3 waren stets die Auctionen in London bei Stevens, Coventgarden-Street. In einem matt-^leuchteten Saale versammeln sich die Sammler und Händler. Frisch eingeführte Exemplare,ohne Blätter, fast nie mit Blüten, werden herumgezeigt und in athemloser Spannung beiH»us- und Familien -Lexilon. V. 49