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Plato's Gesetze.
Kleinias. Ganz gewiß.
Der Athener. So müssen wir also, wie unkso weit uns dieß gelingen mag, versuchen zu erklären,auf welche Weise sich die eine oder die andere Gemüths-art dem Kinde gerade von Geburt an einpflanze.
Kleinias. Allerdings.
Der Athener. Bei mir, sage ich denn, gilt dieAnsicht, daß Ueppigkeit die Gemüther der Kinder übel-launig nnd jähzornig und über jede Kleinigkeit sehrempfindlich mache; daß hingegen eine strenge, wilde undsklavische Behandlung die Kinder kleinmüthig, nieder-trächtig und menschenfeindlich mache, so daß sie zumgesellschaftlichen Leben untüchtig werden.
Kleinias. Was für Erziehungsregeln ließen sichdenn dem ganzen Staate in Ansehung der Kleinen ge-ben, die noch kein Wort verstehen, und überhaupt derBildung noch ganz unfähig sind?
Der Ah euer. Das ließe sich vielleicht daraus ab-nehmen : Ein jedes Geschöpf gibt, sobald es auf derWelt ist, Töne mit Geschrei von sich, und das Menschen-kind nicht am wenigsten, welches nebst dem Geschreivor andern Geschöpfen aus noch den Drang zum Wei-nen hat.
Kleinias. Das ist wahr.
Der Athener. Wenn daher die Amme dem Kind,um zu wissen, was es gerne hätte, dieses nnd jenesvorhält, so erräth sie es daran: Streckt sie ihm etwasvor, darüber es schweigt, so glaubt sie, ihm das rechteDing gebracht zu haben; fährt es aber zu schreien undzu weinen fort, so war es noch nicht das rechte. DießWeinen und dieß Schreien, womit die kleinen Kinderanzeigen, was sie lieben oder hassen, sind nun eben