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Französische Verfassungsgeschichte von 1789-1852 : in ihrer historischen Aufeinanderfolge und systematischen Entwickelung / dargestellt von Simon Kaiser
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Zweites Hauptstück. Die Elemente des Neuen.

sichert; daher wird der Bau des Ackers aufgegeben, Handel und Industriesind vernichtet ; kurz Alles wird unterlassen, was in andern Staatsforntenden Nationalreichthum vermehrt. Dies wirkt zugleich verderblich auf dasprivatrechtliche Leben der Bürger, denn von solchen Instituten, welche denRealkrcdit zu heben bestimmt sind, kann keine Rede sein. Da so die Ver-hältnisse mangeln, worüber Gesetze gegeben werden können, so ist natürlich,daß auch diese mangeln. Der Unterthan ist rechtlos. Der Staat aner-kennt keine Rechte, weder solche des Menschen, noch solche des Bürgers.Daher ist auch keine Rechtsprechung möglich; jede Verletzung oder jedeKlage schlägt in's Gebiet des Slrafrechts ein und hier ist der Strick oderdie Bastonate die Strafe, die verhängt wird. Ueber das Maß derselbenist keine Bestimmung; die Grundsätze über Strafen: daß diese schon ihrerNatur nach gelinde und nach der Verschiedenheit der Verbrechen ausgemes-sen werben müssen, sind unbekannt. Allein wie sollte Dies, wie sollte An-dres bekannt sein, das von des Menschen Würde und Wesenheit einen Be-griff gäbe? Von der Regierung: die Alles als willenlos betrachtet? etwavon der Erziehung? Allein ist von einer solchen überhaupt die Rede, so istihr Zweck einzig, den Menschen zu erniedrigen, zum blinden Gehorsam willig,zum Sklaven zu machen. Gerade das Hauptelement der Erziehung: dasLeben mit Andern, fehlt, jedes Haus ist für sich abgeschlossen, für sich einStaat und hier ist dann Einpflanzung einer Furcht, einiger religiösen Sätzedas Ganze. Das Wissen ist gefährlich und der gegenseitige Wetteifer zufürchten; denn dies würde ein Ehrgefühl voraussetzen oder rege machen,was in der Despotie durchaus unterdrückt werden muß i). Doch wozu einWissen? Der äußerste Gehorsam setzt Unwissenheit in Dem voraus, dergehorcht, und selbst auch in Dem, der befiehlt. Sklaverei verdirbt Alles

1) Die Ehre und das Ehrgefühl macht Montesquieu später zum Hauptgrund-satze in Monarchien und läßt es besonders im Adel vertreten sein. Aber gerade in diesemso wichtigen Punkte zeigt sich, daß Frankreich despotisch war, indem man die Ehre nichtkannte, sondern blos die eitle Lust, am Hofe Ludwig's XIV. und XV. den Andern an Ehr-und Schamlosigkeit zuvorzukommen. Das war jenes Ehrgefühl, aus dem Montes-quieu eine englische Aristokratie in Frankreich zu bilden hoffte. Denn paßt nicht seineSchilderung (III. Buch, S Cap.) gerade auf den französischen Hof zu dieser Zeit:Ehr-sucht in Unthätigkeit, Niedrigkeit im Stolze, das Streben, sich ohne Arbeit zu bereichern,Abscheu gegen die Wahrheit, Schmeichelei, Verrath, Treulosigkeit, Fahrenlassen aller Ver-pflichtungen, Verachtung der Pflichten des Bürgers, Furcht vor der Tugendhaftigkeitdes Fürsten, Hoffnung von seinen Schwachheiten, die Lächerlichkeit, mit der man stets dieTugend bcwirft" ?