Band 
Erster Band.
Seite
23
JPEG-Download
 

Bilder aus Rußland.

23

wo er einer guten und hilfreichen Aufnahme sicher ist, ruhig seinenRausch ausschlafen und des andern TagS wohlgefüttert und beschenktwieder von dannen ziehen kann. Ist die Ursache dieser Humanität,dieses Zartgefühl der gemeinsten Rüsten vielleicht in ihrem Gewissenzu suchen, das ihnen sagt, wie oft sie selbst in dieser Lage gewesensind und ferner seyn werden? Ist es das Immsnt nibil s ms aliemimputo, oder kömmt ihnen der Zustand der Trunkenheit, den sie, sowiedie Deutschen, in einem Sprichwort selig nennen, auch in der Thatals etwas Seliges oder Heiliges vor, das durch seine innere Kraftauch den nüchternen Menschen ergreift.

Der zweite, gewiß noch schwerer zu erklärende Zug ist die Ver-träglichkeit, die Friedfertigkeit, sa die in der That außerordentlicheGutmüthigkeit, welche der Russe im Zustande der Trunkenheit äußert.Wenn das deutsche und manches andere Volk durch geistige Getränkeerhitzt gern zu Händeln und Streitigkeiten übergeht und oft mit Rau-fereien und Todtschlag endet, so sieht man bei ven Russen gerade dasGegentheil. Selbst der Zanksüchtige wird milde und nachgiebig, undso häufig Austritte der Trunkenheit sind, so selten, sa beinahe uner-hört sind alle Händel und Streitigkeiten bei diesen Gelegenheiten.Selbst Feinde, die sich nüchtern alles gegen einander erlauben, be-handeln einander, wenn sie des Branntweins voll sind, wie die zärt-lichsten Freunde. Die Stufenleiter, die man gewöhnlich bei ihrenTrinkgelagen bemerkt, ist folgende: Zuerst sind sie schweigsam und insich gekehrt. Allmälig, wie der Kopf wärmer wird, gehen sie inGespräche über, die immer zärtlicher werden und sich immer mehrund mehr mit Diminutiven füllen, in welchen der Russe immer redet,wenn er freundschaftlich thun will. Die sonst allgemein üblichen Be-nennungen von Maschennik (Spitzbube), Sukinsia (Hnndcsohn) u. dgl.die Niemand übel nimmt, und die man wirklich alle ganz treu mit„lieber Freund" übersetzen kann, gehen setzt allmälig in die milderenBenennungen von Baituschka (Väterchen), Matuschka (Mütterchen),Galowuschka (Täubchen), Duschinka (Seelchen) u. dgl. über. Wennauf diese Weise die Gesellschaft bereits weich genug gestimmt ist, sokommen dann die handgreiflichen Zärtlichkeiten, das Halsen, Umarmenund Küssen, in welchem letzter» sie besonders stark sind, da sie minu-tenlang alle Theile des Gesichts mit ihren Küssen bedecken. Wennihre'Seligkeit endlich die größte Höhe erreicht hat, so umklammernsie sich fest und bitten einander flehentlich um Verzeihung, daß siesich se beleidigt haben, schließen fortan ewige Freundschaft und erlauben