Band 
Erster Band.
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Bilder aus Rußland.

Die Leibeigenschaft. Verdienst und Geburtsadel.

Von der ursprünglichen Sitten-Einfachheit der alten BewohnerRußlands, hat sich einer der edelsten, schönsten Züge noch in seinerganzen Stärke erhalten: die Achtung gegen bejahrte Personen undbesonders gegen die Aeltern. Man kennt kein Beispiel, daß ein Sohn,auch wenn er längst schon Familienvater ist, sich gegen seinen Vaterauf eine rohe oder gewalttätige Weise vergangen hätte, und eS hatmich oft innig gerührt, erwachsene, feurige Männer, die keinen Wider-stand zu dulden und in ihrem Hause sich alles zu unterwerfen ge-wöhnt waren, selbst in der Wuth deö Zorns sich anf das erste Wortihres bejahrten Vaters wie kleine, furchtsame Kinder betragen zusehen. Dies zeigt von einem reichen Fond von Gutmütigkeit,mit dem sich, wenn er gehörig benützt würde, Wunder wirkenließen. — Nicht so kindlich ist das Betragen des gemeinen, leib-eigenen Mannes, gegen seinen despotischen Herrn. Zwar ist erihm äußerlich Unterthan, wie man nur zu deutlich sieht, so oft sichbeide begegnen; aber ihr Inneres kämpft immer gegen dieses unna-türliche Verhältniß an, und sie thun daher nur, was sie ebenmüssen, da bei einem Sklaven von gutem Willen eben keine Redeseyn kann. Es gibt allerdings viele Herren, die ihre Leibeigenen mitHumanität, ja selbst mit Freundlichkeit behandeln, aber ihre Zahl istbei weitem die kleinere. Daß sich die Leute in die althergebrachteGewohnheit fügen, kann kein Beweis für die Rechtlichkeit dieser Ge-wohnheit seyn. Ja daß selbst viele Leibeigene, wenn sie von ihremHerrn die Freiheit erhalten haben, nach einigen Jahren aus eigenemAntriebe in die alte Knechtschaft sich zurückbegeben, wie ich oft genuggesehen habe, kann nicht als ein Beweis für ihren glücklichen Zu-stand gelten, wie viele behaupten wollten, da es vielmehr ein Beweisvon gänzlicher Ausartung und schon völlig unterdrücktem Meuschen-sinne ist, wenn das köstlichste aller Güter, die Freiheit, wie eine ganzwerthlose Sache behandelt und um jeden Preis hingeworfen wird.Da über Dinge dieser Art bei allen Gebildeten und auf HumanitätAnspruch machenden Menschen wohl nur Eine Stimme ist, so wirdeS überflüssig seyn, hier bei einem so widerlichen Gegenstände längerzu verweilen. Möge der Himmel geben, daß diese Abscheulichkeitauch dort bald ihr Ende findet, wie sie bereits in allen kultivirten