46 Ritter's Geschichte der Philosophie.
ihm sind nur einige Fragmente seiner Schriften erhalten worden, undauch er soll sich in hohem Alter den freiwilligen Tod gegeben haben.Auch Chrysippus beschäftigte sich in seiner Jugend mit Handarbei-ten, und ging erst nach dem Verluste seines kleinen Vermögens zurPhilosophie über. Er ist als der erste zu betrachten, welcher sichmit Kraft der skeptischen Richtung der neueren Akademie entgegen-stellte, und sie mit derselben Feinheit der Dialektik bekämpfte, mitwelcher sie selbst die stoische Lehre angegriffen hatte, weßhalb er denBeinamen des Messers der akademischen Knoten erhielt. Erwurde als die vorzüglichste Stütze der stoischen Schule gepriesen, sodaß man von ihm sagte: Wenn Chrysippuö nicht wäre, so würdedie Stoa nicht seyn. Immerhin galt er den späteren Stoikern alsder Gegenstand ihrer ungetheilten Verehrung und fast von unwider-leglichem Ansehen. Er war der erklärte Gegner der Epikuräer undder Akademiker zugleich, wie er denn auch die Lehren deö Plato,des Aristoteles und ihrer Anhänger bei jeder sich darbietenden Ge-legenheit zu bestreiten nicht unterließ. Er war ein vielseitig gebildeter,in allen Wissenschaften hocherfahrener Mann, die Mathematik undNaturgeschichte ausgenommen, die von den Stoikern überhaupt nichtviel kultivirt worden ist. Er war überdies einer der größten Viel-schreiber des Alterthums. Nicht weniger als 705 verschiedene Werkesoll er geschrieben haben. Er schien sich dabei wenig um Schönheitoder Correcthcit deö Stylö bekümmert zu haben, und gestand dieseFehler seiner Schriftstcllerei oft selbst mit freimüthigem Spotte. Alleinvon allen diesen Werken ist auch nicht ein einziges ganz auf uns ge-kommen, sondern nur zerstreute Fragmente derselben sind, übrigensin zahlreicher Menge, durch die Citationen anderer Schriftsteller erhal-ten worden.
Das Charakteristische der stoischen Philosophie ist ihre stete Ap-pellation an den gemeinen, aber auch gesunden Menschenverstand, densie als die höchste Instanz anerkennen. Die so sehr in das FeineauSgesponnenen Spitzfindigkeiten der platonischen und aristotelischen Leh-ren erregten, seit sie nicht mehr durch ihre Neuheit blendeten, all-mälich den Verdacht, daß sie den wahren, einfachen Punkt verfehlthaben, und daß man zur Lösung der von ihnen aufgeworfenen Fragenauch wohl auf einem natürlichen Wege gelangen könne. Ohne sichdaher viel mit Grübeleien zu plagen, geht der Stoiker geradezu aufdiese Gegenstände hin, und wenn er sich auch dabei zuweilen in Spitz-findigkeiten verliert; so sind diese doch mehr als ein bloßes Beiwerk