116 Treviranus, organisches Leben.
des Ganzen und als Beispiel der Darstellung aus. „Alle geistigeThätigkeit besteht in einer Wechselwirkung zwischen einer Kraft, dieein Mannigfaltiges erzeugt, und einer anderen, welche Einheit in dieMannigfaltigkeit bringt. Ein Produkt dieses Wirkens ist das Selbst-bewußtseyn. Die zweite dieser Kräfte strebt immer, alles Bedingte miteinem weniger Bedingten in ein Causalverhältniß zu setzen. Dieses Stre-ben ist Denken. — Indem die Denkkrast an dem Bedingten ihre Thä-tigkeit versucht, entsteht das Bewußtseyn einer äußeren Welt und einesunö selbst fremdartigen Etwas. Ist auch unser ganzes Leben nur einTraum von dem, was wir Wirklichkeit nennen, so bleibt eö demungeachtetgewiß, daß die Folge dieser Traumbilder ihren Ursprung von einemuns fremden Dinge hat. Wenn die Glaslinse in der Camera obfcurasich der Bilder bewußt wäre, die ste auf dem Grunde der dunklenKammer erzeugt, so würde ste sagen können: diese Bilder sind zwarbloß dein Werk, denn sie verschwinden, sobald du nicht bist, und ver-ändern sich, sobald du dich veränderst. Aber wenn auch die Bildernicht ohne die Linse sind, so sind sie doch nicht durch die »Linse allein.— Jedes metaphysische System maßte sich an, sagen zu wollen, waSjenes äußere Etwas sey, von dem wir Ulks abhängig fühlen. Aberkeines gab darüber mehr als Dichtungen. Es gibt Nachtwandler,die beim Erwachen staunend vernehmen, was sie im Schlafe gethan.Ein solches, schlafend zweckmäßig handelndes und nichts aus demSchlafleben sich erinnerndes Wesen, ist jedes Lebende. Unser Körperist unser eigenes Werk, und doch erscheint er uns als etwas Fremd-artiges. Daher kann aber auch die eigentliche geistige Kraft in unsnicht durch -ein materielles Wirken vermittelt seyn. Im sinnlichenLeben ist das geistige Bilden, also auch das Denken, eine organischeThätigkeit. Doch ist dieses nicht ganz eine solche. Wie das SpieldcS Virtuosen, auch aus einem verstimmten Instrumente, noch im-mer verräth, von wem es kömmt, so zeigt sich eine höhere Denk-kraft auch noch bei der Zerrüttung der Organe des geistigen Bil-dens."
Wir müßten daS ganze Buch abschreiben, wenn wir alles in ihmenthaltene Treffliche mittheilen wollten. Aber selbst die Jnhaltsanzeigeoder ein AuSzug ist hier schwer, da alles zu wohl unter einander ver-schmolzen ist, um stückweise wieder vorgezeigt werden zu können. Wirbeschränke» uns daher auf einige vorzügliche Momente, die wir nur inder Absicht mittheilen, den Leser zu bewegen, sich bald mit dem Bucheselbst näher bekannt zu machen.