Viertes Kap. Spanischer Successionskrieg. 109
Inzwischen hatte der französische Gesandte am spanischenHofe, der Herzog von Harco u rt, durch Gewandheit und Gold einemächtige Partei für das Bourbonische Interesse gewonnen; wäh-rend der Ocstreichische Botschafter, Gras von Harrach, durchUnklugkeit und Stolz daselbst täglich an Gunst verlor. An dieStelle des östreichisch gesinnten Ministers Oropeza trat derCardinal Puertocarrero, Frankreichs Freund, und selbst derPabst, Jnnocenz XII., wurde bewogen, das zagende GewissenKarls II. durch einen zu Gunsten der Bour Konen lautendenAusspruch zu beschwichtigen. Aber von Allem, was da widerOestreich sich entspann, nahm man zu Wien nichts wahr; manhielt der wirklichen Erbfolge sich so versichert, als des Rechteszu ihr.
Ein neuer Tkeilungsvertrag, welchen Frankreich den See-mächten vorlegte, wornach der Erzherzog die Krone, der Dauphinaber nebst den früher begehrten Ländern noch Lothringen er-kalten (Mailand dagegen an den Herz. von Lothringen kommen)sollte '), war wchl nur Blendwerk. DaS Interesse tes bourbo-nischen Hauses galt natürlich mehr im Kabinette des KönigsLudwig, als jenes von Frankreich. Gleichwohl unterzeichnetenEngland und Holland diesen Traktat, dessen Erfüllung indie Schale Frankreichs ein größeres, wenigstens bleibenderes Ueber-gewicht würde geworfen haben, als die Ernennung des Herzogsvon Anjou zum spanischen König. Aber Wilhelm war alt,ohne Heer, im Mißverständniß mit seinem Parlament, und daherüber alles für die Erhaltung des Friedens und wenigstens eini-gen Gleichgewichts bedacht.
Der kaiserliche Hof protestirte gegen diesen zweiten Theilungs-traktat, so wie er es gegen den ersten gethan hatte. Aber errüstete sich noch nicht. Da erscholl die Nachricht, daß K. Karl ll.durch ein Testament und durch ein Codicill ") den Herzog Philippvon Anjou zum Erben aller spanischen Reiche ernannt habe,und bald darauf, daß der König gestorben sey ^).
t) 1700, 3. März.
2) 2 und 5 Ott. ,700.
3) 1, Nov.