Griechen. Allgemeine Verhältnisse. 2gi
keit und des Sinnes für Poesie und Kunst aus. Bei den einzel-nen Stämmen und Völkerschaften waren theils eine oder mehreredieser Eigenthümlichkeiten vorherrschend, theils entwickelten sie dieselbenalle in sich, und die griechische Nation besaß in Folge davon eineMannichfaltigkeit der Bildung und des Wesens, welche einen derHaupt-Charakterzüge derselben ausmacht. Bei den dorischen Völ-kern z. B., besonders den Spartanern und Kretern, war dasStrenge und Kräftige vorherrschend, bei den Böotiern das Rauheund Rohe, bei den Athenern und den übrigen ionischen Griechendas Bewegliche und Sanfte.
Hierzu kommt noch, daß die Stämme der Griechen sich aufmannichfache Weise mit einander vermischten, daß sie in ihren Co-lonieen und durch ihren Handel die verschiedenartigsten Völker kennenlernten, und dadurch eine mächtige geistige Anregung erhielten,sowie endlich, daß sie unter einem heiteren und milden Himmellebten, und die reichsten und schönsten Länder der gemäßigten Zonebewohnten. Mangel und eigentliche Armuth kannten die griech-ischen Völkerschaften nicht; so oft diese ihnen drohten, wanderteein Theil der Bürger aus, und gründete an irgend einer Küsteeinen neuen Staat, in welchem sie die Mittel zum Leben leichterfanden, als in dem alten. Auch die äußeren Beschäftigungen, durchwelche die Kräfte der griechischen Nation in Anspruch genommenwurden, waren sehr mannichfaltig, und förderten dadurch dieVer-schiedenartigkeit der Sitten und Einrichtungen: Ackerbau, Vieh-zucht, Handel, Schifffahrt, Fischerei und vielfältige Gewerbebildeten bald einzeln, bald mehrfach die Hauptthätigkeit der Bürgereines jeden der vielen griechischen Staaten. Ungeachtet der sehrmannichfaltigen Entwickelung und Thätigkeit des griechischen Volkesblieben diejenigen Eigenschaften, welche den Haupt-Charakterdesselben bilden, mehr oder weniger allen einzelnen Theilen derNation eigen; namentlich fanden sich Poesie und Kunstsinn, sowiedie Verschönerung und Erheiterung des Lebens durch Feste undein darauf berechneter Gottesdienst bei jeder griechischen Völkerschaft.
Durch diese Gleichartigkeit des Grundwesens griechischerBildung, Denkweise und Sitte und durch die Gemeinschaftlichkeitder Sprache, der Religion und der historischen Erinnerungen warenund blieben die Griechen, trotz ihrer Trennung in viele von ein-