Gesetze und Interessen der Menschen.
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101. '
Den Ursprung, die Fehler, die Möglichkeit derAenderung und die Versuche der Verbesserung un-serer Verfassungen will ich aufsuchen. Die meistenStaatsgeschichten sind politische Krankengeschichten:einige sind bereits gestorben, andere todtkrank, an-dere auf der Besserung; überall sind geschickte Aerztesehr selten, und Observatorien noch seltener. Diealten Erfahrungen liegen in Folianten, welche derMinister nicht Muße, der Compendienschreibernicht Geschick hat zu studiren. Aus der Geschichteallein lernt sich, was zur Zeit Othons Celsus soschön fand: svloyisisty nooç ta evvxvyyavovTa*').
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Man steige von dem heutigen Zustand einerNation in ihr Alterthum hinauf, zu sehen, wassie gewesen? lerne, was aus ihr zu machen, undprophezepe was sie seyn werde. Diesen Weg wandleder Gesetzgeber der Menschheit. Das Präliminar-rapitel jeder wahren Politik ist die Beschreibung desCharakters der Nation; jedes Land tragt eine ei-gene Gattung Geschöpfe, und auch fremde naturali-sircn nach demselben. Snid von der Pferdarznei-kunst fängt mit des Pferdes Beschreibung an: aberdie Nationen haben ihren Buffon noch nicht. DieSchriftsteller haben meistens die vom Nativnal-charakter durch Entfernung vom Volk verschiedensteMenschenclasse beschrieben. Aber ohne die physischeund moralische Naturgeschichte der Völker wird derGesetzgeber in dem Geist und Detail immer irren,nie aus ihnen machen, was sie werden können;und die politi'che Divination wird vollends unmög-lich seyn, ehe die verschiedenen Fähigkeiten in ihrenGraden beschrieben und berechnet sind.
*) ..Vorsichtig handeln nach den Umstanden/'
S. ». Müllers stimmn. Werke. XXXVII.
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