Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
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65
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1. Kap.j

Ludwig XVM.

65

Zeitalter versetzt und reizte zu nicht gerade Vortheilhaften Vergleichungen.Die königliche Familie bestand aus dem Haupt derselben, Ludwig XVIII.,Grafen von Provence, seinem Bruder Karl, Grafen von Artois und dessenSöhnen, den Herzögen von Nngouleme und von Berry, von denen dererste mit der Tochter des unglücklichen Ludwig XVI., Marie Therese, derandere mit der sicilianischen Prinzessin, Karoline Louise, vermahlt war.Zuerst erschien der Graf von Artois am 12. April als Generallieutenantdes Königs in Paris. Ueberall wehten Schnupftücher aus den Fenstern,aber es waren keine von Battist, wie sein Begleiter dem trimnphirendenKarl erwiderte. Bor der Revolution galt der Gras von Artois in Ver-sailles für einen vollkommenen Cavalier, dem keine noble Passion fremdgeblieben war, und im Auslande, wo er die Seele der Emigration gewe-sen, nannten ihn seine Anhänger „die Blume oder den Spiegel der Ritter-schaft." Von der Natur nur stiefmütterlich bedacht, war er nie bestrebtgewesen, diesen Mangel durch Fleiß und Studium zu ersetzen. Dabei be-saß er jedoch eine gewisse Würde und Repräsentationsgabe, welche seinemälteren Bruder, dem verständigeren und gutmüthigeren Ludwig XVIII.,beinahe gänzlich abging. Dieser Regent war durch das Unglück seinesHauses gereift und hatte seinen inneren Sinn der neuen Bewegung nichtganz verschlossen. Von dem lebhaften Wunsche, sein Volk zu beglücken,durchdrungen, entäußerte er sich der absolutistischen Ideen des vorigen Jahr-hunderts, um dem Geist der Zeit Rechnung tragen zu können, der vonden constitutionellen Staatsformen unzertrennbar zu sein schien. AlleinLudwigXVIII. war damals schon sechszig Jahre, ein Alter, inwelchem dieEnergie des Geistes und Charakters nachläßt. Er war daher nicht imStande, dem Andringen der Noyalisten, die ihn sogar jakobinischer Sym-pathien bezüchtigten, Widerstand zu leisten. Die Regierung zeigte einenauffallenden Wechsel der Ministerien und Grundsätze, ein Schwanken, dasauf Unklarheit des Zweckes und Charakterschwäche des Königs hinzu-deuten scheint. Der Adel, welcher mit seinen alten Ansprüchen auf Privi-legien, Titel und seine einst confiscirten Güter zurückgekehrt war, fand imPavillon Marsan, dem nördlichen Theile der Tuilerien, wo die Herzoginvon Berry wohnte, einen Versammlungspunkt. Hier wurden alle Plänezur Wiederherstellung der vorrevolutionären Zustände gesponnen und inden Kammern zur Ausführung gebracht. An der Spitze dieser Coteriestand der Graf Artois mit seinen Söhnen und Schwiegertöchtern. Dieletzteren beiden zeichneten sich durch eine große Entschiedenheit des Cha-rakters aus, die sich namentlich bei der Herzogin von Angouleme als kalteRachsucht gegen Alle äußerte, welche einst mittelbar oder unmittelbar zumTode ihrer Eltern beigetragen, ihren armen liebenswürdigen Bruder derunmenschlichsten Behandlung preisgegeben und ihr kindliches Herz mitallen ersinnlichen Folterqualen gemartert hatten, Wenn je, so war es bei

Weltgeschichte, III. h