Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
213
JPEG-Download
 

2. Kap,)

Casimir Perier.

213

hat und vor dem der heimliche Spott und das Kichern der Hofleute ver-stummte. Indem er das Königthum und die Interessen der Bourgeoisieidentificirte, kämpfte er für eine „ starke Regierung" und verfolgte mitgrenzenlosem Zorn und wilder Ungeduld die Clubisten und Journalistenals „unverbesserliche Feinde jeder bestehenden Ordnung." Zunächst unter-drückte er mit starken Mitteln die Gährung. wenn er auch nicht der quä-lenden Hungersnoth, dem stockenden Handel, dem darniederliegcndenGewerbe aufzuhelfen, das schlechte Wahlgesetz zu ändern und die großeSteuerlast, welche auf den arbeitenden Ständen lag, zu mindern ver-mochte. Sein ganzes öffentliches Leben ist ein parlamentarischer Kampfgegen die Agitation, der er schonungslos den Fuß auf den Nacken zusetzen suchte, und für die Befestigung des Königthums und die Ruhedes Landes, ein Kamps, der seine Kräfte verzehrte und ihn ins Grabstürzte. Der „Friede, die Charte und die Ordnung" waren seine Losung,der er sich zum Opfer brachte und die er mit jener eisernen Willenskraft,welche ihm die Achtung aller Parteien sicherte, vertheidigte. Was Perier'sauswärtige Politik anlangte, so intervenirte er unter großem Beifallzu Gunsten der Belgier, demüthigte Dom Miguel und ließ Ancona be-setzen, um Oesterreichs Einfluß in Italien zu beschränken und dem PapsteMäßigung zu gebieten. Für die Polen war er zu keiner andern, als einerdiplomatischen Jntercesfion zu bewegen und verleugnete öffentlich Seba-stiani's und Guilleminot's Handlungsweise (S. 121 — 129), welche diePolen zu größeren Erwartungen berechtigt hatte. Als die Nachricht vondem Falle Warschau's nach Paris gelangte, kam es hier zu einem Auf-stande (15. und 16. September 1831), den Perier mit größter Entschie-denheit dämpfte.

In seiner inneren Politik zeigte sich Perier starr und unbeug-sam. Nur als er sah, daß die Erblichkeit der Pairswürde, die er für einnothwendiges Erfordernis der constitutionellen Monarchie hielt, auf den, hartnäckigsten Widerspruch der Kammern und des Landes stieß. gab erseine Anficht auf (10. October 1831). Die Pairs wurden daher aufLe-benszeit und ohne Gehalte, Pensionen und Dotationen ernannt; indeßdurften sie nur aus gewissen Notabilitäten genommen werden. Hinsichtlichder Zahl der PairS hatte der König freie Hand. Der „Bürgerkönig",welcher sich vor der Thronbesteigung mit einem amerikanischen Präsidentenverglichen hatte, forderte nun eine Civilliste von achtzehn Millionen Francs.Perier brachte diese Forderung aufs Budget, das sich auf mehr als elf-hundert Millionen Francs belief. Dagegen erhob sich ein heftiger Sturmin der Kammer, zumal der Nothschrei der ärmeren Classen, der sich inwilden Aufruhrscenen äußerte, sehr grell gegen eine Erhöhung der Civil-liste abstach. Die Kammer bewilligte dem Könige nur zwölf Millionenund dem Kronprinzen eine Million Francs, und forderte nachdrücklich Er-