344 Hauptgründe der Revolution in Deutschland. f4. Kap.
die Grenzen von Deutsch-Oesterreich verpflanzt hätten, den FranzosenPlatz zu machen.
In Deutschland, wo die Bundesverfassung sehr unbeliebt war, strebteman nach Einheit des Regiments, ohne geradezu die Einzelstaaten aufhe-ben zu wollen. Die passive Rolle, welche der Bund in der Politik spielte,die vielfachen persönlichen Belästigungen, welche den freien Verkehr imInnern hinderten, der geringe Schutz, welchen der Deutsche im Auslandeund demselben gegenüber genoß, erfüllte die Nation mit Unzufriedenheit,und rief dieErinneruug an die glorreiche Zeit von 1813—4815 wach,wo das einige Deutschland dem größten Eroberer und der kriegerischstenNation Schranken gesetzt hatte. Wäre nur ein Theil der Forderungen,welche v.Radowitz in seiner Denkschrift (S. 264) an den deutschen Bundgestellt hatte, verwirklicht gewesen, so wäre der Revolution ein mächtigerFactor, ja man darf behaupten, die Grundstütze entzogen worden. Mittenunter den widerstreitenden Interessen der Herrschenden und Regierendenin Deutschland ließ sich aber diese Einheitsform nicht ohne gewaltsameStörung des Besitzstandes verwirklichen. Ueber die politische Formdes deutschen Einheitsstaats schwebte man in vollkommenem Dunkel; einBeweis, daß diese nicht die Wünsche der Nation im Innersten berührte,und daß es mehr aus das Zusammenfassen der Streitkräfte, die Reprä-sentation im Auslande, und materielle Verbesserungen im Innern abge-sehen war. Die Großstaaten Oesterreich und Preußen, deren Kraftelemeuteeinen großen Spielraum, deren Bewohner eine hehre Vergangenheit be-saßen, empfanden den Mangel einer deutschen Nationalität überhaupt we-niger, als die Mittel- und Kleinstaaten. Da nun die Nationalität einHauptsactor der Bewegung war, so erstarkte in den beiden Großstaaten zu-erst die lebhafteste Reaction gegen die deutsche Einheit, in welcher Oesterreichund Preußen aufgehen sollten, eine Reaction, die zugleich den heftigstenKampf gegen die ganze Revolution selbst in sich schloß. Von den Vater-lands- und Preußenvereinen, den „Schwarzgelben" und „Schwarzweißen",wie man sie nannte, oder von den specifischen Oesterreichs und Preußengingen die Bestrebungen zur Dämpfung der Bewegung hauptsächlichaus, indem sie Revolution und deutsche Einheit identificirten. Dieserspecifische Patriotismus, der sich aus reale Thatsachen gründete, sah dieGefahr drohend über seinen Häuptern schweben, die schönsten Erinnerun-gen einem noch ungewissen, nebelhaften Volksthum hinzuopsern, und dasSchicksal des besonderen Vaterlandes dem „Moloch" des „einigen Deutsch-lands" preiszugeben. Die politischen und kirchlichen Reactio-näre 8sn8 xtirn8s fanden daher andenNational-Reactionärenschätzens-werthe Bundesgenossen. Zu ihnen gesellte sich noch eine vierte Partei,welche, obwohl sie vor den Märztagen viele Ideen in Umlauf gesetzt, derenKonsequenzen sie nicht ohne Weiteres theilen mochte, doch jetzt einen