Band 
(1815 - 1854)
Entstehung
Seite
531
JPEG-Download
 

4. Kap.) Wie wird Europa's Zukunft sich gestalten? 531

welche Nachtheile warten seiner in einem oder dem anderen Falle? Wel-chen Gewinn wird das gesammte Deutschland aus diesem Kriege ziehenin Hinsicht auf seine politische Einheit und seinen Handel? Welche Stel-lung, welche Ausgabe wird Oesterreich an der Unterdonau und in Deutsch-land zufallen? Wie werden Schweden und Dänemark sich zu den West-mächten verhalten? Welche Territorialveränderungen wird dieser Krieg inDeutschland, welche Veränderungen in der äußern und innern Politik der eu-ropäischen Staaten und ihren socialen Einrichtungen mit sich führen? Dassind die Fragen, welche sich an diese größte Katastrophe der neuesten Geschichteheften und die wohl erst nach vielen Jahren ihre Erledigung finden werden.Die Perspective vergrößert sich noch, wenn wir die Folgen der chinesischen Re-volution, die Erschließung Japans durch Nordamerika für den abendländi-schen Handel in Erwägung ziehen, und uns fragen, welche Gestalt wirdRußland dem mittleren und nördlichen Asien geben, wohin es seineSchritte richten muß, wenn man seine Uebermacht in Europa gebrochenhat? Welche Aenderung der politischen Konstellation wird Nordamerikahervorbringen, wenn es im großen Ocean herrschen und in Europa Flot-tillen unterhalten wird? Großartige Reformen, Umänderungen und Er-schütterungen bereiten sich vor. Hoffen wir, daß sie zu Gunsten derCivilisation und Humanität ausfallen. Und wer möchte daran zwei-feln, der im Christenthum den Sauerteig erkennt, welcher das ganzemenschliche Geschlecht durchsäuern wird! Noch harren viele hundertMillionen des göttlichen Lichts, das ihre dunklen Pfade erhellensoll; noch viele tausend Quadratmeilen warten der Ackerer, die sie be-stellen, der Handelsleute, die ihre Producte umsetzen sollen. Wilbersorce'SWort bleibt ewig wahr: das Evangelium und die Pflugschar finddie echten Civilisationsmittel, jene friedlichen Werkzeuge, wodurch dieBarbarei allmälig ausgerottet werden wird. Wenn es dem Alter ziemt,die vergangene Zeit zu preisen, so ziemt es dem gegenwärtigen Geschlecht,mit heiterem Blick der Zukunft entgegenzusehen , sollte auch diese nichtalle Erwartungen und Wünsche der Menschen befriedigen. Ideale ent-stehen und vergehen: das ist der ewig gleiche Laus der Weltgeschichte,in welchem die Menschheit ihrem Ziele näher rückt. Wie die Klänge derMemnonssäule bei jedem frischen Morgenstrahl die Luft durchzitterten, sojubelt die Menschheit bei jeder Neugestaltung der Zustände, ohne der Hitzedes Tages zu gedenken, welche die Thatkraft lähmt und den Muth ab-schwächt. Erst nachdem die Kämpfe vorüber find, erschallen im Friedendes Abends die Töne der Poesie wieder und ergreift Klio ihren Griffel,um die Thaten der abgehenden Geschlechter zu verzeichnen.

Druck von Fr. Nies in Leipzig.