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Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
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Polygamie, Prostitution und selbst Mord für tugendhafteHandlungen gelten. So erzählt Catrou:In St. Gallenlebten zwei Brüder friedlich zusammen, dasselbe Gewerbetreibend. Sie hiessen Leonhard und Thomas. DerAnabaptismus hatte tiefen Eindruck auf ihr Gemütli ge-macht; die Verdrehungen der Propheten, ihre Ecstasen,ihre Vorherverkündigungen- hatten ihren Kopf erhitzt.Leonhard hatte seinem Bruder eine ganze Nacht hin-durch , als sie zusammen nähten, davon erzählt, wieweit der Gehorsam des Christen gegen Gottes Gebot,wenn es durch die Propheten geoffenbart wird, gehenmüsse; sie waren gesprächsweise auf den Befehl ge-kommen, den Abraham von Gott erhalten hatte, Isaakzu tödten, und beide Brüder gelangten endlich zu demVorsatz, zu tödten oder den Tod zu dulden, wenn derWille des Herrn es von ihnen verlange. Niemals warendie Ausdrücke der Zärtlichkeit bei ihnen lebendiger ge-wesen, als in dem Augenblicke, wo dieser Vorsatz beiihnen durchbrach. Sie umarmten sich; es war das reinsteOpfer ihrer Zärtlichkeit, was sie Gott bringen wellten.Leonhard ruft seine Familie und seine Nachbarn zusam-men , lässt Thomas in die Mitte des Zimmers treten,verdoppelt seine Zärtlichkeit und vergiesst Thränen.Dann lässt er seinen Bruder niederknieen und ziehtplötzlich einen verborgen gehaltenen Degen hervor: Inder Liebe zu dir, sagte -er zu seinem Bruder, hegtdieselbe Zärtlichkeit, die Abraham für seinen Sohn ge-habt; werde ich in dir den MutJi und den GehorsamIsaaks finden, um den Tod von der Hand deines Bru-ders, der dich so liebt, zu empfangen? Es ist Gottder Herr, der mich begeistert Thomas streckt ruhigund ohne Thränen seinem Bruder seinen Hals entgegen,und nur mit einem zärtlichen Blicke sagt er ihm einletztes Lebewohl. Die Neuheit des Schauspiels über-raschte und lähmte die Anwesenden so sehr, dass Kei-ner wagte, dazwischen zu treten. Leonhard stachThomas in den Hals und schnitt ihm dann mit derSchneide des Schwertes den Kopf ganz ab, den er