Buch 
Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten / nach dem Französischen des Calmeil bearbeitet von Dr. Rud. Leubuscher
Entstehung
Seite
256
JPEG-Download
 

256

gerade auf die Stellen, so dass die Eisenspilzen tief insFleisch eindringcn mussten l ).

Bei Vielen trat in ihrer Exaltation auch ein Zustandvon Ecstase, eine Art von Somnambulismus ein. In d : e-sem „etat de mort” wie man ihn nannte, ist nach Mont-geron’s Schilderung die Seele durch irgend eine Visionvollkommen absorbirt und der Gebrauch der Sinne theil-weise oder ganz aufgehoben. Manche blieben zwei, selbstdrei Tage hintereinander mit starrem, unbeweglichem undunempfindlichem Körper, die Augen weit geöffnet und starr,und das Gesicht bleich, wie bei einem Todten. Bei denMeisten erreichte der Zustand allerdings nicht seine ex-tremste Ausbildung; sie waren nicht vollkommen unem-pfindlich und hörten auch zum Theil, was um sie vor-ging. Sie schienen in einzelnen Fällen in eine tiefe Kon-templation versunken, ihr Gesicht war lebhaft gcrölhetund strahlend, als wenn sie im Anschauen himmlischerBilder schwelgten ; ihre ganze Gestalt war wie transfigu-rirt. Der Ausdruck von Glückseligkeit, der sich in sol-chen Augenblicken in dem Konvulsionär ausdrückt, spie-gelte sich dann auch in den Zuschauern wieder.

Wie die Kamisarden , so fingen auch die Konvulsio-närs von St. Medard an, lange Reden zu halten. Sie klag-ten über die Verderbtheit des Klerus, sie verkündeten dennahe bevorstehenden Untergang der Welt und die An-kunft des Propheten Elias auf der Erde; hauptsächlichaber war die Bulle Unigenitus der Gegenstand eifrigerPredigten. Ihre Ausdrucksweise hatte, wie wir dies schonhäufig in ähnlichen Fällen einer starken Erregung derNervencentra gefunden haben, etwas Erhabenes undSchwunghaftes; ihre Geisteskräfte schienen in solchenExaltationszuständen im Allgemeinen einen höheren Ent-wicklungsgrad erreicht zu haben; schüchterne, ungebildeteMädchen von niederer Herkunft sprachen in ihren Kon-vulsionen in glühenden und erhabenen Worten von derVerderbtheit des Menschen durch seine Erbsünde u.s. w.

1) Mon tgeron I. c.