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Johann Christoph Gottsched.
Die gelehrte Castalis
Hat mein Flügelroß gewiß
Selber wollen baden.
Derselbe.
Z. 20. Ich bin müde, dergleichen neueWörter zu suchen, sonst wollte ich sie auch inandern Büchern, in Pietschen und Gün-thern gar häufig finden: wiewohl der letztebey weiten so kühn darinnen nicht gewesen, alsder erste; der auch wohl zuweilen die Sprach-ähnlichkeit aus den Augen gesetzet hat, welcheseben nicht zu billigen ist. Ich will nur nochdieses erwähnen, daß, wenn gute Poeten inihren Gedichten den Schall gewisser natürlichenDinge haben nachahmen wollen, sie gleichwohllieber bekannte und verständliche Wörter, alsseltsame und neuausgedachte Töne dazu ge-braucht haben. Z. E. Wenn Nie. Peuker,seinem Namen zu Ehren, den Paukenschall liebt,und sein Buch gar die Pauke betitelt; so machter folgenden Vers:
„Mein Paukenschlag, das BomdibidibomRufft: Friedrich Wilhelm komm!
Mach uns ein Freudenlied, das Bomdibi-dibum.
Und Tarantantara macht schon die Ohrenstumm.**
Hingegen "finde ich, daß Opitz in seinem Ge-dichte von der Ruhe des Gemüths den Lerchen-gesang so ausgedrücket hat:
„Die Lerche schreyet: dir, dir lieber Gott alleinSingt alle Welt; dir, dir, dir will ich dank-bar seyn!**
Und Flemminq ahmt den Gesang einer Nach-5 tigall auf eben so eine vernünftige Art nach,wenn er in der dritten Ode des illten Buchsschreibt:
„Die gelehrten NachtigallenSchrey» euch zu mit lautem Schallen:
1» Glück, Glück, Glück! du trautes Paar,Dir, dir, dir, gilt unser Singen rc."
Eben so machen sie es, wenn sie andere Gat-tungen der Töne auszudrücken suchen. Da siehtman keine unerhörte, neugebackene Menge nichts-15 heißender Sylben; sondern zwar ausgesuchte,und der Natur gemäße, aber ungezwungene undsparsam angebrachte Wörter. Ein vollkom-menes Exempel giebt mir wiederum Flem-ming in der angeführten Stelle:
20 „Daß die Elster Heller rauschet,
Daß mit Buhlerinnen tauschetManch verliebtes Waffervolk;
Daß die Büsche sanfter brausen,
Daß die Lüfte linder sausen,
25 Und uns trübet keine Wölk ;c."
Hier sieht man, wie klüglich der Poet im erstenVerse das starke Rauschen eines Stromes, imvierten das sanfte Brausen der Gebüsche, undim fünften das lindeste Sausen der Lüste nach-50 gcahmet; aber so, daß es scheint, als ob es vonungefähr gekommen wäre.
Johann Jakob Bo-nrer.
Von -er Poeste -es sechszehntcn Jahrhunderts nach ihrem schönsten Lichte.
Die deutsche Poesie, welche unter den Kai-sern von dem schwäbischen Stamme auf einenhohen Grad der Vollkommenheit gestiegen war,nahm mit dem Untergänge dieses Hauses wie-der ab, und siel in den folgenden Jahrhunder-ten viel tiefer, als sie zuvor in der Höhe ge-standen war. Sie gerieth dem Pöbel in dieHände, und ward von ihm dergestalt gemiß-handelt, wie, sie noch in den Schriften HansSachsens aussiehet. Denn die glückliche Wie-derherstellung des Geschmackes der Alten kamder deutschen Poesie am wenigsten zu Stalten,weil die muntern Naturelle und Köpfe ihreKräfte nicht in dieser versucheten, noch ihr zumBesten anwendeten. Die beyden besten und da-bey gelehrtesten Ingenia, welche nach der Wie-derfindung der Wissenschaften vor Opitzen Witzund Poesie in die deutsche Verse gebracht haben,sind nach meinem Wissen Sebastian Brand,und Johann Fischark, zween vootoros derRechte von Straßburg; wiewohl ihre Nahmenzu unsern Zeiten ins Vergessen gekommen sind,
und nicht einmahl die Art der Unsterblichkeiterhalten haben, welche Hans Sachse sich durch50 den aberwitzigen und kahlen Inhalt seines Rei-mengeklappers erworben hat. Von Fischartenhat zwar Ainkgräfe in der Vorrede zu einerSammlung Gedichte, welche er als einen An-hang zu den allerersten Opitzischen Gedichten55 drücken lassen, mit einer ausnehmenden Hoch-achtung geredet.
„Johann Fischers, genannt Mentzers, glück-liches Schiff von Zürich, sagt er, wäre an„Reichthum poetischer Gesster, artiger Einfälle,00 „schöner Worte, und merkwürdiger Sprüche,„laus welchen Stücken abzunehmen, was statt-liches dieser Mann hätte leisten können, wenn„er den Fleiß mit der Natur vermählen, und„nicht vielmehr sich an dem, was ihm einfältig65 „aus der Feder geflossen, hätte begnügen wol-len,) gar wohl der römischen, griechischen, ita-liänischen und französische» Poesie an die Seite,„wo nicht vorzusetzen, wenn ihm nicht, wie an-gedeutet, etwas weniges fehlete, welchen Mangel