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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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143-144
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Gotchold Ephraim Messing.

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aber, welches den allerhöchsten härte zeigen sol-len, verhüllete, ist bekannt, und es sind vielartige Dinge darüber gesagt worden. Er hattesich, sagt dieser (Plinius 35, 36), in den trau-rigen Physiognomien so erschöpft, daß er demVater eine noch traurigere geben zu könnenverzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener(Valcrius Maximus 8, 1t), daß der Schmerzeines Vaters bei dergleichen Vorfällen über allenAusdruck sey. Ich für mein Theil sehe hierweder die Unvermögenheit des Künstlers, nochdie Unvermögenheit der Kunst. Mit dem Gradedes Affekts verstärken sich auch die ihm ent-sprechenden Züge des Gesichts^ der höchste Gradhat die allerenrschiedensten Züge, und nichts istder Kunst leichter, als diese auszudrücken. AberTimanthes kannte die Grenzen, welche dieGrazien seiner Kunst setzen. Er wußte, daßsich der Jammer, welcher dem Agamemnon alsVater zukam, durch Verzerrungen äußert, dieallezeit häßlich sind. So weit sich Schönheitund Würde mit dem Ausdrucke verbinden ließ,so weit trieb er ihn. Das Häßliche wäre ergern Übergängen, hätte er gern gelindert; aberda ihm seine Composition beydes nicht erlaubte,was blieb ihm anders übrig, als es zu ver-hüllen? — Was er nicht malen durfte, ließ ererrathen. Kurz, diese Verhüllung ist ein Opfer,das der Künstler der Schönheit brachte. Sieist ein Beyspiel, nicht wie man den Ausdrucküber die Schranken der Kunst treiben, sondernwie man ihn dem ersten Gesetze der Kunst, demGesetze der Schönheit, unterwerfen soll.

Und dieses nun auf den Laokoon angewen-det, so ist die Ursache klar, die ich suche. DerMeister arbeitete auf die höchste Schönheit, un-ter den angenommenen Umständen des körper-lichen Schmerzes. Dieser, in aller seiner ent-stellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zuverbinden. Er mußte ihn also herabsetzen; ermußte Schreyen in Seufzen mildern; nicht,weil das Schreyen eine unedle Seele verräth.

sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafteWeise verstellet. Denn man reiße dem Laokoonin Gedanken nur den Mund auf, und urtheile.Man lasse ihn schreyen, und sehe. Es war eine5 Bildung, die Mitleid einflößte, weil sie Schön-heit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist eseine häßliche, eine abscheuliche Bildung gewor-den, von der man gern sein Gesicht verwendet,weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt,10 ohne daß die Schönheit des leidenden Gegen-standes diese Unlust in das süße Gefühl desMitleids verwandeln kann.

Die bloße weite Oefnung des Mundes —bey Seite gesetzt, wie gewaltsam und ekel auch15 die übrigen Theile des Gesichts dadurch ver-zerret und verschoben werden — ist in der Ma-lerev ein Fleck, und in der Bildhauerey eineVertiefung, welche die widrigste Wirkung vonder Welt thut. Montfaucon bewies wenig20 Geschmack, als er eine» alten bärtigen Kopf,mit aufgerissenem Munde, für einen Orakelertheilenden Jupiter ausgab. Muß ein Gottschreyen, wenn er die Zukunft eröffnet? Würdeein gefälliger Umriß des Mundes seine Rede25 verdächtig machen? Auch glaube ich es demValerius nicht, daß Ajar in dem nur ge-dachten Gemälde des Timanthes sollte ge-schrieen haben. *) Weit schlechtere Meister ausden Zeiten der schon verfallenen Kunst, lassen30 auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wennsie unter dem Schwerte des Siegers Schreckenund Todesangst ergreift, den Mund bis zumSchreyen öfnen.

Es ist gewiß, daß diese Herabsetzung des35 äußersten körperlichen Schmerzes auf einen nie-drigern Grad von Gefühl an'mehreren altenKunstwerken sichtbar gewesen. Der leidendeHerkules in dem vergifteten Gewände, von derHand eines alten unbekannten Meisters, war10 nicht der Sophoklcische, der so gräßlich schrie,daß die Lokrischcn Felsen und die EuböischenVorgebirge davon ertönten. Er war mehr sin-

hättc einer solchen Handlung beiwohnen wollen ? Ich antworte: Die Mägde der Alihäa, welche daS Feuer anzünde»und unterhalten mußten. Ovid sagt sVerwandlungen VIII. V. 16U. 4UI.)

„Doch nun holt' ihn <dcn Pfahls die Mutter hervor, hieß Kien auf da- ReisigLegen, und nährete dann dem Gelcg feindseliges Feuer."

Dergleichen lange Stücke von Kien, welche die Alten zu Fackeln brauchten, haben auch wirklich beyde Personen inden Händen, und die eine hat eben ein solche- Stück zerbrochen, wie ihre Stellung anzeigt. Auf der Scheibe, gegendie Mitte des Werks, erkenne ich die Furie eben so wenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen Schmerz aus-drückt. Ohne Zweifel soll eS der Kopf des Meleager selbst seyn. sVerwandlungen 8, V. LlS.s„Mit wird verzehret, entfernt, und ohn' es zu wissen, vom selbe»

Brand Meleager, und fühlt -, den innersten Leib ihm versengeHeimliche Glut; doch besiegt er die mächtigen Schmerzen durch Mannheit."

Der Künstler brauchte ihn gleichsam zum Ilebergangc in den folgenden Zeitpunkt der nämlichen Geschichte, wclchcrden sterbenden Meleager gleich darneben zeigt. Was Spcncc zu Furien macht, hält Montfaucon für Parzen,den Kopf auf der Scheibe ausgenommen, den er gleichfalls für eine Furie au-gicbt. Bellori selbst läßt c« unent-schieden, ob es Parzen oder Furien sind. Ein Oder, welche- genugsam zeigt, daß sie weder das eine noch das anderesind. Auch Montfaucon'S übrige Auslegung sollte genauer seyn. Die Weibsperson, welche neben dem Bettesich aus den Ellebogcn stützet, hätte er Cassandra und nicht Atalanta nenne» sollen. Atalauta ist die, welche mit demRücken gegen das Bette gckehret, in einer traurige» Stellung sitzet. Der Künstler hat sie mit vielem Verstand« vonder Familie abgewendet, weil sie nur die Geliebte, nicht die Gemahlin des Mcleagerü war, und ihre Betrübniß übercm Unglück, das sie selbst unschuldiger Weise veranläßet hatte, die Anverwandten erbittern »lusitc.

») Er giebt nämlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrückte» Grade der Traurigkeit so an: „ Ealchasbetrübt, IllysseS traurig, Ajar schreyend, Mcnelaus wehklagend." — Der Schreyer Ajar müßte eine häßliche Figurgewesen seyn; und da Werder Cicero noch Ouintilia» in ihren Beschreibungen dieses Gemäldes seiner gcdcnken-so werde ich ihn um so viel eher für einen Zusatz halten dürfen, mit dem cS Valcrius aus seinem Kopse be.reichern wollen.