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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
373-374
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Thomas Abbt.

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es Ihnen aufrichtig sagen soll, versetzte Rez,meine erste Anwandlung war Furcht: aber ichüberwand sie, und mußte eben deswegen hasti-ger thun. Dann will ich Ihnen, erwiederteder große Turenne, eben so aufrichtig gestehen,daß meine erste Anwandlung bey diesem Vor-falle Freude gewesen: ich freuete mich in Ver-muthung, daß mir mein alter Wunsch Gespen-ster zu sehen, dürfte gewährt werden; und umja nichts dabey zu übersehen, war ich bedächt-lich und ruhig. So sah es, merkt Rez an, sosah es bey allen Vorfällen, was sie auch seynmochten, in der Seele dieses starken Mannesaus: immer war sie in gleicher Heiterkeit. Undwirklich diesem Gemählde von Turennen kömmtnichts aus dem Alterthume bey, als das Be-tragen des Sokrates, nachdem die Armee, un-ter der Er diente, geschlagen worden. Alcibia-des hatte es beobachtet, und ich will es denMontagne erzählen lassen.Ich fand ihn isagteAlcibiadesj nach dem Zuge unseres Heeres, ihnund Haches, unter den letzten Flüchtlingen, undbetrachtete ihn ganz gemächlich und in Sicher-heit, denn ich war auf einem guten Pferd under zu Fuß, und wir hatten so gekämpst. Ichbemerkte zuerst, wie viel Ueberlegung und Fe-stigkeit er zeigte im Gegensatz zu Haches: unddann den Muth seines Gangs, in keiner Weisevon seinem gewöhnlichen verschieden: seinen fe-sten und sicheren Blick, was um ihn vorgieng,beobachtend und beurtheilend, bald die einen be-trachtend, bald die andern, Freunde und Feinde,auf eine Weise, welche die einen ermuthigte,und den andern bedeutete, daß er gedenke, Blutund Leben theuer zu verkaufen, wer versuchenwolle, es ihm zu nehmen; und sie retteten sichalso." Man mag es ansehen wie man will: sobleibt immer diese gänzliche Entfernung vonallem Zagen, diese Fassung des Gemüths, da-rinn nichts befremdet, darinn man bey jedemVorfalle so ist, als ob man zu Hause wäre:dieses bleibt ein Geschenk der Natur. Die Wir-kung der Seelenkräfte muß dazu vermuthlichso beschaffen seyn, daß die Lebhaftigkeit der al-ten Ideen immer gleich stark erhalten wird, umder Lebhaftigkeit der neuen stets gewachsen zuseyn. Zwar strebt der Weise durch einen lan-gen Kamps nach diesem Nicht - entsetzen. Vor-schriften, Regeln, wicderhohlte Betrachtungensollen ihm das Gleichmüthige, Unwankende ver-schaffen, das allein glücklich machen und auchglücklich erhalten kann. Unstreitig gelangt erendlich zu dieser Gemüthsverfassung; zwar ley-der oft erst, wenn sie bald unnütze wird: jedochgelingt es ihm in so weit, daß er nicht mehrumfällt, sich aufrecht erhalten kann, und höch-stens nur mit einer Hand noch stemmen darf.Aber die erste Anwandlung des Schreckens ver-meidet er selten, die erste Bestürzung, die Ab-wesenheit des Geistes auf einem Augenblick, dieeiner Verfinsterung und Verdunklung aller Ideenso nahe ist. Es kann die Wiederhohlung, oderWiederkunft der nämlichen Dinge, die sonst beyjeder gewöhnlichen Seele zuerst Schrecken erre-gen, sie kann durch die bloße Macht der Ge-wohnheit einige Uncrschrockenheit zu wcgc brin-gen : Alles diß reicht nicht an jene wesentlicheGleichgültigkeit, die den Kanzler Morus nochauf dem Blocke <m Las Zurücklegen seines Bar-

tes denken lässet, damit, sagte er, dieser, un-schuldig am Hochverrathe, nicht zugleich abge-hackt würde. Sind denn also die Bemühungendes Weisen um die Ruhe, um die Gelassenheit,

5 welche er sucht, sind sie für den Mann, den die- Natur so fest gebildet hat, für ihn ganz über-flüßig? -- Die Absicht jener Bemühungen geheweiter. Sie wollen der Seele nicht nur dasDauerhafte gegen das Reiben neuer von außen-1V her kommender Ideen verschaffen, sondern sieauch in Absicht ihrer eigenen Wünsche und Vor-stellungen im Gleichgewichte erhalten. Ebender Turenne, den von außenhcr nichts aus sei-ner Fassung bringen konnte, litte in sich selbst15 die stärksten Umwälzungen, da er bald zu die-ser Hofparthey, bald zu jener sich schlug, undsogar von Weibern geleitet wurde. Aber inkeinem Beyspiele zeigt sich vielleicht der Unter-schied zwischen der äuffern Uncrschrockenheit und20 der innern Gleichmüthigkeit deutlicher, als indem Beyspiele des Chaumont, der für Ludwigden Xllten ivon Frankreich) im MayländischenBefehlshaber war. Chaumont wurde beordertden Lcrzog von Ferrara gegen den Pabst Ju-25 lius den Uten zu vertheidigen. Durch eineglückliche und unerwartete Wendung schloß erden Pabst nebst seinem ganzen Hofe in Bolognaein, und er konnte ihn ohn Blutvergießen zuseinem Gefangenen machen. Aber seine tiefe30 Ehrfurcht für den heiligen Vater machte ihngeneigt Unterhandlungen Gehör zu geben, wo-durch man ihn nur zu hintergehen suchte. Alser sich darauf wegen Vernachläßigung der Vor-theile, die er in Händen gehabt, dem strengsten35 Tadel ausgesetzt fand, machte er sich selbst sobittere Vorwürfe darüber, daß er in eine aus-zehrende Krankheit verfiel, woran er auch baldhernach starb. Doch auf dem Todbette verfieler noch einmal wieder in die entgegengesetzte10 Reue, und flehte aufs demüthigste bey JhroHeiligkeit um die Vergebung seiner schwerenSünde, nur jemals die Waffen gegen sie getra-gen zu haben. Welches klägliche Hin- und Her-schleudern zwischen der Treue des Soldaten für45 seinen König gegen alle Feinde desselben ; undzwischen der Verehrung, die einem Pabste derRömischkatholische schuldig ist! Was für Dienstehätten hier einige Blätter sokratischcr Philoso-phie thun können l .

50 und an der Ruhe des Gemüthes, welchevon der Weisheit gewirkt wird, und das Werkder Vernunft, Ueberlegung und Erfahrung ist,erkennt man auch bald ihren Ursprung; dennsie führt etwas gleichförmiges, etwas gleichge-55 spanntes durch das ganze Leben des Menschenhindurch, daß sich von jeder Seite, und unterallen Umständen darinn antreffen lässet- DieLady Johanna Gray, welche die englische Kronenicht getragen, sondern nur berührt hatte, die-60 ses vortrcfliche Frauenzimmer war in seinem17ten Jahre mit den Weisen des Alterthumsund besonders mit Plato so bekannt, und vonihrem Umgänge so bezaubert, daß sie diesenUmgang nicht nur den Lustbarkeiten des Hofes65 mit Vergnügen vorzog, sondern auch genugdaraus gelernet hatte, um mit Widerwillen denehrgeizigen Absichten ihrer Verwandten nachzu-geben , mit Gleichgültigkeit den Thron zu be-steigen , und zehn Tage darauf mit Freuden,