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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
377-378
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Thomas Abbt.

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an sich; so wie die Tapferkeil eines Regimentshöher geschätzt wird, wenn es, ohne selbst etwaszu thun, das feindliche Feuer aushält, als wennes gegenfeuert.

Wenn ich nicht aus der neuern Geschichtedieses große Beyspiel vor Augen gehabt hatte:so würde ich auch hier- wieder Cäsarn angeführthaben, der ganze zehen Jahre hindurch, die vonGefahren für sein Leben voll waren, der wäh-rend seiner zehnjährigen Kriege in Gallien undBritannien, das heißt gegen die tapferstenFeinde der Römer, der den Entwurf feste hielt,sich zum ersten Mann in seiner Republik zumachen. Man läßt selten dieser Seele alle Ge-rechtigkeit, die man ihr schuldig ist, widerfahren.Wenn wir die weitläuftigste Geschichte lesen:so laufen uns Cäsars zehen Jahre in Gallienschnelle vorüber; aber bedenkt man auch: welchelange Zeit zehen Jahre für den Ehrgeiz sind.Was an Cäsars Plane jede Schlacht, jedesScharmützel, jeder Borfall ändern konnte, wenner unglücklich ausfiel: und wenn er gelung: sowar es erst eine weit aussehende Vorbereitungzum großen Zwecke! Dieses Ausdauren gegendie Zeit, ist das wahre Unterscheidungszeichendes Ehrgeizes von der Eitelkeit. Die letzteresucht immer ihre Belobnung in der Nähe, bet-telt sie von denen, die sie unmittelbar umgeben;will sie ohne einigen Zeitverlust. Wird sie ihrnicht so gleich gewährt: flugs sinken der Eitel-keit die Hände an dem unternommenen Werke.Wenn Rom gegen den Catilina durch vieljährigeArbeit hätte müssen vertheidiget werden: sowürde Cicero schwerlich seine herrliche und ge-prahlre That verrichtet haben.

Nichts ist schwerer als die Stetigkeit desWillens vom Eigensinne und von der Hals-starrigkeit zu unterscheiden. Es läßt sich baldesagen, daß jene vernünftig sey, diese unvernünf-tig. Wo ist das große Unternehmen, das nichtim Anfange gemeinen Augen einer Thorheitähnlich scheinet? Wie viel spöttischer Gesichte,die sich hinter Schnupftüchern verbargen, alsPeter dex Große das erstemal die Trommelschlug! Aber laß jetzt noch jemand auftretenund lachen! Fast alle große Unternehmungenwerden gesäet in Unchren: ihre Herrlichkeit er-scheint erst alsdann, wann sie aufgehen. Außer-dem macht uns in unsern Urtheilen zu Schan-den jene ewige Anordnung der Weltbegebenhei-len, die auf eine so göttliche und unbegreiflicheArt zwischen das eigene Gewebe der Menscheneingewirket ist. Wenn Carl der XIIte die Schlachtbey Pultawa gewonnen hätte: oder wenn ihmsein Leben vor Friedrichs Hall noch wäre ge-fristet worden, um den neuen Entwürfen desAlberoni, Görzen und so gar Perer des Ersten:Entwürfen, dazu Carls Leben und Charakterso nothwendig war, Zeit zur Reifung zu lassen:Geschichtschreiber, die ihr ihn jetzt so unbarm-herzig richtet, was würdet ihr alsdann von ihmsagen? wie würdet ihr seine Festigkeit; seinestete Verfolgung des nämlichen Entwurfesbewundern? Wilhelm von Oranien, der fastallemal im Felde, und niemals in seinem Sinneüberwunden wurde! welche Seele! von derfrühesten Jugend an bis in sein Alter einerleyWillen, nämlich, Frankreichs Macht entgegenzu arbeiten! Aber wenn nun der junge Mensch

damals, als er seinem Vaterlande die Annahmeder schmählichen Friedensbedingungen des cdel-müthigcn Ludwigs abrieth: wenn nun der jungeMensch seine Republik, die schon am Rande des5 Verderbens stand, durch seinen festen Sinnvollends hinein geführt hätte: würde er nichtdurchaehends ein unbedachtsamer harksinnigerJüngling heißen? Setzt einen andern Menschenals den Herzog von Bukingham an die engel-10 ländische Regierung, und des großen KardinalRichelieu Beharrlichkeit in seinem Unterfangengegen Rochelle wird zur Thorheit. O du! derdu im Himmel deinen Sitz hast, und den gan-zen Aufzug der menschlichen Thorheiten wie15 ein Schattenwerk vorüber gehen lässest, du alleinentscheidest, was besonnen oder unbesonnen hei-ßen soll; du bringest zu Ehren, wenn du willt,Kinder, die einem festen Faden nachgehn, undmachest zu Schanden Weise , wenn sie wissend20 oder unwissend deinen Absichten widerstreben!Alle ihre Rathschläge werden alsdann verkehrt,und was sie eben am meisten demüthiget, inaller Augen scheint es dann, daß sie ihre Un-fälle verdient haben. lVellejus Paterculus.,

25 Wenn es nun gleich für Zuschauer so schwerwird, den eisernen Kopf vom gediegenen Sinnezu unterscheiden: so bleibt es doch wahr, daßein Unterschied dazwischen sey. Der nämliche,möchte ich fast sagen, wie zwischen Muskeln,30 die von Blut und Lebensgeister strotzend sichstrammen, und zwischen solchen, die von Frosteerstarrt sind. Ich möchte das letztere unter demsteifen Sinn" verstehen, den Tacitus einemTiber auch noch in den letzten Stunden seines35 Lebens beylegt.Kräfte und Lebensgeister ver-gießen ihn schon, noch nicht die Verstellung;noch immer der steife Sinn; Stimme undGesichtszüge strengte er an und suchte zu-teilen freundlich auszusehen, und eine Kraft-40losigkeit zu verbergen, die doch nur gar zusichtbar war." (Tacitus, Annalen, B. 6,Cap. 50.)

Ich habe mich bey dieser Stetigkeit desWillens etwas länger aufgehalten, weil sie das48 unentbehrlichste Stück von der Stärke der Se^efast für jeden Stand ist. Hier ist noch nichtder Ort zu sagen, in wie weit sie für den einenverdienstlich werde; für den andern nicht. Sonstmüßte es auch schon hier stehen, daß der Staats-50 mann ohne dieses Unwandelbare in seinem Vor-sätze, ein Verderben für die Einheimischen, undein Spott für die Auswärtigen werde. Aberes liegt mir jetzt noch nicht an der Anwendungder Begriffe. Woferne ich nur so glücklich bin,55 sie erst gehörig zu entwickeln und festzusetzen:so muß die Anwendung nachher ganz leichtwerden. Ich wiederhohle es nun bloß, um estiefer einzuprägen, daß die Stetigkeit des Wil-lens eigentlich in der Wirkung der Seele auf60 sich selbst bestehe, und nicht so wohl äußreHindernisse zu bestreiken habe, als vielmehrihren eigenen Wankelmuth, eigenes Zagen, ihreEinwendungen zu Hause. Wenn man nochgenauer gehen will: so mag man hinzusetzen,65 daß die Festigkeit nicht den Anfang zum Kampfmache, daß sie schon einen Sieg voraussetze, undihr blos die Ehre vorbehalten sey, das Errun-gene zu beschützen.

Ueberhaupt nimmt die Thätigkeit, die aus-