Thomas Abbt.
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Furcht und Bangigkeit und Unentschlossenheit:nur auf Luthers seinem allein Unerschrockcnhcitund Freudigkeit ausgedruckt sich zeigte; dazuseine ganze Stellung die Zuversicht, mit der ersich vertheidigt, bewieß: sollte diß Gemähldedem erstern viel nachgeben? Man muß dabeynoch anmerken, daß diese Reise nach Wormsbald nach dem Anfange seiner großen Unter-nehmungen geschehen, ehe noch tausend andrenachher dazu gekommene und immer wachsende,theils innre, theils äußre, Stärkungen, denMuth unterstützen, und eben dadurch seinerSchönheit etwas benehmen konnten. Ich habemit Fleiß dieses Stück gewählt, um weder indie Heiligenverehrung der allzueifrigen Luthe-raner, noch in die Partheylichkeit zu fallen, allerGeschichte zum Trotz, diesem Manne seine glän-zende Eigenschaften abzusprechen.
Ich werde hier die Herzhaftigkeit der wah-ren Märtyrer nicht berühren: die höhere Gnade,von der sie bewirket wird, setzt sie außerhalb derReihe derer Dinge, welche zu einem blos mensch-lichen Verdienste etwas beytragen. Dagegendarf ich die Herzhaftigkeit nicht ausschließen,welche, wenn ich so sagen darf, gegen unbe-kannte, aber nahe, heimliche Gefahren sich er-mannet; welche sich äußert, wenn Gefahrenrings um uns her flattern, ohne daß wireigentlich den Ort wissen, von daraus sie unsanfallen werden; welche sich hervor thut, wenndie Schrecknisse von ferne, aber unfehlbar imAnzüge sind, und kein Mittel ist ihnen auszu-weichen. Mir beucht, daß diese Herzhaftigkeitweit größer sey, als die andere, welche miteiner sichtbaren und gewissen Gefahr handge-mein wird. Sie sind nicht einmal beyde immerzusammen in jeder Brust gegenwärtig, weilmanche Seelen durch die Ungewißheit und Un-sichtbarkeit der Gefahr weit mehr außer ihrerFassung kommen, als durch den nahe drohendenTod. Daher ist es begreiflich, wie der Soldat,dem das Herz beym Angriffe einer Batterienicht viel merklicher als sonst klopfet, dagegenbey einem heraufsteigenden Gewitter zagen könne.Man sehe die zehencausend Griechen, die HülfS-truppen des unglücklichen Cyrus mitten im tief-sten Persien: ihr Soldherr todt, folglich dieSache, für die sie stritten, zum Vortheil desFeindes entschieden; unzählbare Feinde um sichher, keinen Freund nirgends, — verrathen, ab-geschnitten, eingeschlossen durch Berge: die Na-tur selbst schien sich wider sie erklärt zu haben:ohne Wegweiser, ohne Lebensmittel; eine unge-heure Strecke vor sich zu durchwandern, die un-wegsamsten Gcbürge: welche Nacht brachten siezu! Siestritten nicht: das wäre eine Wohlthatgewesen, die Gefahr so feste und gerade vor sichzu haben: sie schlummerten zu einem fürchter-lichen Aufwachen. Der edle junge Mann, dersich zum Streit aufs schönste putzte, um anseinem Siegestage oder Sterbetage geschmücktzu seyn, er allein richtete sie wieder auf: ihreHerzhaftigkeit ermanncte sich — ward glänzend;._ ist nun verewiget.
Ich fange die Beschreibung der innern Herz-haftigkeit mir den berühmtesten Gemählden desAlterthums an: Alexanders Betragen gegen diegefangene Gemahlinn und Töchter seines überwund'enen Feindes: Scipio mir der Ehrerbie-
tung eines Bruders gegen die schönste Sklavinn,sein Eigenthum nach den damaligen Rechtendes Krieges, obschon die Braut eines unglücklichenPrinzen: Titus und Berenice; er Kaiser und5 frey, Liebhaber und gesiedet; doch, um Romsund der Gesetze willen von einander scheidend,er ungerne, sie Widerwillen. Aber Gemähldereichen alleine nicht hin; wir müssen die Merk-male eines nach dem andern herausholen.
10 Ich bemerke zum voraus, daß man die in-nere Herzhaftigkeit, die Entschlossenheit^ gegensich selbst, in einem vorzüglichen VerständeStärke der Seele zu nennen pflege. Beydealso, der Jnnbegriff aller bisher erläuterten15 Eigenschaften, und auch eine einzelne, die dar-unter gehört, führen einerley Namen. Gegen-wärtig können wir nun der Kürze halben, ohneVerwirrung zu besorgen, diesen Namen auchhier brauchen.
20 Es wird zuerst nöthig seyn, den Gegen-stand , woran sich solche Stärke der Seeleäußert, anzugeben. Der folgende ist es: Ur-theile über Sachen, die unser höchstes zeitlichesund ewiges Wohl angehen, und Urtheile, die25 wir selbst gefället, von deren wirklichen odervermeinten Richtigkeit wir uns aus Gründenselbst überzeugt haben. Die Anhänglichkeit andieselbe trotz allen Einwendungen, die nachhervon uns selbst, oder von andern dagegen ge-30 mackit werden, heißt die Stärke, von der wirreden.
Ich habe mit Vorbedacht gesetzt, daß dieseUeberzeugung, diese Anhänglichkeit auf Gründenruhen müsse. Freylich können wir uns auch35 hierinn noch betrügen; und einem andern, derbesser belehret ist, kann sodann das Verstockungscheinen, was wir hier Stärke nennen. Aberdiß ist nun einmal das Loos der. Menschheit;wir können nichts mehr thun, als uns bemühen10 um Wahrheit. Was wir am Ende erhäschen:das müssen wir feste halte»; diß und mehr nichtkann von uns gefordert werden. Der Kanzler-Thomas More glaubte überzeugt zu seyn, daßdie Maasregeln seines Königes und des Parla-45 meines in Absicht der Trennung vom römischenStuhle und der Religionsverändcrungen, uner-laubt seyen. Heut zu Tage ist kein Protestanle,noch mehr, ist kein Staatsverständiger, der nichtbehaupte, daß More sich geirret habe. Aber der50 rechtschaffene Mann folgte damals seinen bestenEinsichten, legte seine Würde nieder, um nichtwider sein Gewissen zu handeln, und stieg vonseinem hohen Posten zur Einsamkeit und Ar-muth herab, ohne auch nur einen Augenblick55 die Heiterkeit, ja sogar Lustigkeit seines Geisteszu verlieren.
Doch, was das unentbehrlichste bey dieserStärke ist; die Urtheile müssen von uns selbstherrühren: es müssen eigene, nicht blos adop-60 tirte Kinder des Geistes seyn. Denn auch hierscheint es wahr zu bleiben: „was nicht vöm„Herzen kömmt, geht nicht zu Herzen." BeyAdoptionen wird es uns zwar immer weit leich-ter als bey eigenen Geburten; aber diese machen65 uns auch mehr Freude, wen» die Schwierig-keiten überstanden sind. Und dieser Schwierig-keiten sind nicht wenig.
Jeder Anfang ist schwer, aber am schwer-sten derjenige zur Untersuchung der wahren