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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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597-598
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Christoph Martin Wieland.

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lieber vor den großen Rath gebracht würde;nicht sowohl, damit der arme Anthrar die ge-bührende Genugthuung erhalte, (wiewohl nichtzu zweifeln sey, daß ihm solche bey dieser hohenGerichtsstelle nicht entstehen könne) als damitdem zügellosen Mulhwillcn der Sykofanten end-lich einmahl durch irgend ein angemeßnes GesetzSchranken gesetzt, und dergleichen schnödenHändeln, die der Stadt Abdera zu schlechterEhre gereichten, fürs künftige nach Möglichkeitvorgebaut werden möchte."

Agathyrsus brachte alles dieß mit so vielerGelassenheit und Mäßigung vor, daß seine Gästesich nicht genug über die Ungerechtigkeit derje-nigen verwundern konnten, welche einen so gutdenkenden Herrn zum vornehmsten Anstifter die-ser Unruhen hätten machen wollen. Sie hiel-ten sich nun alle von dem Gegentheil vollkom-men überzeugt; und es gelang ihm in wenigenStunden, diese wackern Leute, ohne daß sie esselbst merkten und indem sie noch immer ganzunparteyisch zu seyn glaubten, zu so gutenEseln zu machen, als es vielleicht in ganzAbdera gab; zumahl nachdem die köstlichenWeine, wodurch er sie bey der Abendmahlzeitbeträufle, jeden Scharten des Mißtrauens vol-lends ausgelöscht, und jede Seele zur Empfäng-lichkeit aller Eindrücke, die er ihnen geben wollte,geöffnet hatten.

Man kann sich leicht vorstellen, daß dieserSchritt bes Agathyrsus die Gegenpartei) nichtwenig beunruhigen mußte. Da die Revoluzion,welche unter demjenigen Theile der Bürger-schaft, der bisher gleichgültig geblieben, dadurchbewirkt worden war, bald darauf sehr merklichzu werden anfing, und alle Batterien, die manmit verdoppeltem Eifer dagegen spielen ließ,nicht nur ohne Wirkung blieben, sondern ge-rade die gegentheilige Wirkung thaten, und dieUebelgesinntheit der Schatten, durch die Vcr-gleichung mit der Mäßigung und patriotischenGesinnung des Prälaten, nur desto ausfallen-der machten: so würden die besagten Schattenäußerst verlegen gewesen seyn, was sie anfan-gen wollten, um ihrer beynahe ganz gesunkene»Partey wieder einen Schwung zu geben, wennder Priester Strobvlus sie nicht bey Muth er-halten und versichert hätte, daß er, so baldder Gerichtstag festgesetzt sey, dem kleinenJason (wie er ihn zu nennen pflegte) ein Ge-witter über den Hals schicken wolle, dessen ersich mit aller seiner Schlauheit gewiß nicht ver-sehe, und wodurch die Sache sogleich ein ganzanderes Ansehen gewinnen werde.

Die Schatten schienen sich nun so ruhigzu halten, daß Agathyrsus und sein Anhangdiese anscheinende Niedergeschlagenheit ihrer Gei-ster sehr wahrscheinlich der wenigen Hoffnungzuschreiben konnte, welche ihnen nach dem übersie erhaltncn zwiefachen Vortheil übrig geblie-ben. Sie verdoppelten daher ihre Bemühungenbey dem Archon Onolaus, (dessen Sohnein vertrauter Freund des ErzpriesterS und ei-ner der hitzigsten Esel war) einen nahen Tagzur Versammlung des großen Raths anzube-raumen; und sie erhielten endlich durch ihr un-gestümes Anhatten, daß diese Feierlichkeit aufden sechsten Tag „ach der letzten Rathssitzungfestgesetzt wurde.

Diejenigen, welche die Weisheit eines Plansoder einer genommenen Maßregel nach demErfolg zu beurtheilen pflegen, werden viel-leicht in Sicherheit des Erzpriesters bey derplötzliche» Unthätigkeit seiner Gegenpartei) einenMangel an -Klugheit und Vorsicht finden, vonwelchem wir ihn allerdings nicht gänzlich freysprechen können. Ganz gewiß würde es behut-samer von ihm gewesen seyn, diese Unthätigkeitvielmehr irgend einen, wichtigen Anschlag, überwelchem sie in der Stille brütete, als einem zuBoden gesunknen Muthe zuzuschreiben. Alleines war einer von den Fehlern dieses Jasoniden,daß er, aus allzu lebhaftem Gefühl seiner eig-nen Stärke, seine Gegner immer mehr verach-tete, als die Klugheit erlaubt. Er handeltefast immer wie einer, der es nicht der Mühewerth halt, zu berechnen, was ihm seine Feindeschaden können, weil er sich überhaupt bewußtist, daß es ihm nie an Mitteln fehlen werde,das ärgste, was sie ihm thun können, von sichabzutreiben. Indessen ist doch im gegenwärti-gen Falle zu vermuthen, daß tausend andre,an seinem Platz und bey so günstigen Anschei-nungcn, eben so gedacht, und, wie er, geglaubthätten, sehr wohl daran zu thun, wenn sie sichden guten Willen ihrer neuen Freunde zu Nutzemachten, bevor er wieder erkaltete, und ihrenFeinden keine Zeit ließen, wieder zu sich selbstzu kommen.

Daß der Erfolg seiner Erwartung nicht ge-mäß war, kam von einem Streiche des Prie-sters Strobylus her, den er mit aller seinerKlugheit nicht voraus sehen konnte: und der,so sehr er auch in dem Karakter dieses Mannesgegründet seyn mochte, doch so beschaffen war,daß man nur durch die unmittelbare Erfahrungdahin gebracht werden konnte, ihn 'dessen fürfähig zu halten.

Zehntes Kapitel.

Was für eine Mi»c dcr Priester Strobylus gegen sin-nen Kollegen springen läßt. Ausanimcnbernfungler Zehnmänncr. Der Erzpriestcr wird vorgeladen,findet aber Mittel, sich sehr zu seinem stiorttzcilaus der Sache zu ziehen.

Tages vorher, ehe der Prozeß über denEselsschattcn, der seit einigen Wochen die un-glückliche Stadt Abdera in so weit aussehendeUnruhen gestürzt hatte, vor dem großen Rathentschieden werden sollte, kam der OberpriesterStrobylus, mir zwey andern Priestern derLatona und verschiedenen Personen aus demVolke, in großer'Gemüthsbewegung und Eil-fertigkeit früh Morgens zu dem Archon Ouo-laus, um Seiner Gnaden ein Wunderzei-chen zu berichten , welches (wie man die höchsteUrsache habe zu furchten) die Republik mit ir-gend einem großen Unglück bedrohe.

Es hätten nehmlich sch^ jn der ersten undzweyten Nacht vor dieser letzter« einige zumLatonentempel gehörige Personen zu hören ge-glaubt, daß die Frösche des geheiligtenTeiches — anstatt des gewöhnlichen ^V'iooku-clivcli. Koax Aoax, welches sie sonst mit allenandern natürlichen Fröschen, und selbst mit de-nen in den Stygischen Sümpfen (wie ausdem Aristofanes zu ersehen) gemein hätten

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