Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
291-292
JPEG-Download
 

29 t

Johann Georg Förster. 292

dcr Gründung seiner gesitteten Staaten ausihrem Schooß den Weisen hervorgehen sah,besten innere Harmonie ihm gleichsam die Naturunterwarf, ihn zur Entdeckung des Wahrenin allen ihren Verhältnissen führte, und ihn 5zum Lehrer seiner Brüder bestimmte. Die Un-abhängigkeit vom Brittischen Parlamente hättendie Amerikaner auch ohne ihn errungen; diemoralische Freyheit, die heilige Achtung für dieVernunft in jedem einzelnen Menschen, und die 10innige Anerkennung der Pflicht, eines jedenUeberzeugung und Glauben zu ehren: dießalles, nebst so manchen Anleitungen zur prak-tischen Lebensweisheit, und so manchen einfachen,häuslichen Einrichtungen, die in jenen angc- 15henden Niederlassungen zur Bequemlichkeit ge-reichen , verdanken sie ihm. Das Licht, welcheser verbreitete, blieb nicht in Einem Welttheilverschlossen; seine Blicke in den innern Zusam-menhang der Natur kamen auch unserer Schwach- 20heit jzu Hülfe, und indem er bewies, daß dieMaterie der Gewitter mit der zarten Flüssig-keit, die wir im Harz, im Bernstein, im Glase.kannten, und bereits durch Metall zu leitenwußten, ganz von einerlei, Beschaffenheit sen, 25lehrte er zugleich das Mittel, uns und unsereGebäude vor dem zündenden Blitzstrahle zusichern. Was er aber für die Rechte vernünf-tiger Wesen, für die höchste Gerichtsbarkeitselbst der Vernunft, für die Freyheit des Men- 30schengeschlcchts gesprochen, und mit unwider-legbaren Gründen für seine Mitbürger insbe-sondere sonnenklar bewiesen hat, das steht auchdiesseits des Oceans fest, als ein ewiger Dammgegen die Tyranncy der willkührlichen Gewalt. 35Amerika, das ihn gebar, hatte die nächstenAnsprüche auf ihn, und diese wurden von ihmselbst in ihrem weitesten Umfange anerkannt;seine Vaterlandsliebe war seine erste Lugend.

Der Pflicht, seinen Mitbürgern zu'dienen, 40setzte er seine Privatmcinungen nach. Im Jahr1777 sagte er mir selbst zu Paffp: „wir käm-pfen dreyßig Jahre zu früh." Seine Abneigunggegen Alles, was Blut kostet, lag dieser Ue-berzeugung zum Grunde; denn es war in sei- 45nem Verstände klar entwickelt, daß Vernunftund Tugend allein, auch ohne Blut, dereinstdie Unabhängigkeit errungen hätten. Die Bc-sorgniß, den Krieg zu verlängern, hielt ihn da-her von dreisten Aeußerungen gegen das Calu- 50mt von Versailles zurück, die sein Mitbokschaf-ter Silas Dcane mit glücklichem Erfolge beyder Unterzeichnung des Friedens wagte. — IhrUnglückseligen, an deren Gewissen ein TropfenMenschenblut um Rache ruft, wie gern er- 55kauftet ihr mit euren beyden Indien das Be-wußtseyn eines Weisen, der alle seine Mitgc-schopfe mir Liebe umfaßte, und schuldlos bliebam Tode eines einzigen vernünftigen Wesens!

Ibr Götter dieser Erde, die ihr euch nicht 60scheuet, der Vernunft eure Gewalt entgegenzu stellen, wenn ihr je zur Besonnenheit zu-» rückkehrt, wie werdet ihr euch selbst verachtenlnüssen, wenn ihr zu dem Manne hinaufschaut,dcr nie seiner eigenen Meinung physischen Nach- 65brück geben mochte, und gleichwohl unumschränk-tes Zutrauen, treue Folgsamkeit und feste An-hänglichkeit unter Brudern und ihm an Rech-nn völlig gleichen Menschen sand! Ihr armen

Beherrscher der halben Welt, die ihr vergebensnoch die andere Hälfte wünscht, wie bcneidens-werth, mit euch verglichen, ist nicht dieser Ame-rikaner, der ewig größer, reicher und glückli-cher als ihr gepriesen wird, weil er sie ganzzu entbehren wußte und mit seinem Geiste überihr und über euch schwebte!

Bon der Lehre des sanftmüthigsten und wei-sesten Bewohners jener Halbkugel durchdrungen,von ihm durch scchzigjährigen Unterricht ge-wöhnt, sich selbst im edelsten Theile ihres We-sens zu ekren, ihre Vernunft höher zu achten,als ihre Muskelkraft, ruhig und ihrer Leiden-schaften Meister alles zu prüfen, das Beste zuwählen und im unbedingten Gehorsam gegen dieAussprüche der Vernunft ihre wahre Freiheitzu finden, erreichten seine Mitbürger den böch-sten Gipfel des Ruhms, den Menschen sich er-werben können - sie schufen sich im Jahre1766 eine neue Verfassung, die keinen TropfenBlut gekostet hat; ein unbeflecktes Opfer, wür-diger, der Koltbeir dargebracht zu werden,als alles, was Köstliches oder Schreckliches jeauf ihren Altären rauchte.

Vernunft — und nur durch Vernunft mög-liche Tugend, also wieder nur Vernunft undnichts als Vernunft - ist der Zauber, womitBenjamin Franklin den Himmel und die Erdebezwäng; Vernunft ist die Tyrannenbändigerin,der einst die runde Erde das ewige Triumph-lied zujauchzen wird; Vernunft ist das Element,worin das Menschengeschlecht allein seine Be-stimmung erreichen kann. Unzertrennlich sindVernunft, Tugend und Freyheit, und keine istje vollkommen ohne die anderen; darum Haffendie Tyrannen Vernunft; denn sie Haffen Tugendund Freyheit. Längst hätten sie die Vernunftvon der Erde vertilgt, wenn sie sich begnügenkönnten mit der Dienstbarkeit der Unvernunft:aber zu ihrer Qual bedürfen sie halbvernünf-tigcr Knechte, und aus dem kleinsten übrig ge-bliebenen Keime vermag die Vernunft zur voll-kommenen Entwicklung zu gelangen.

Benjamin Franklin! Ehrwürdiger Schatten!Lehre du selbst die Völker durch dein großes,unvergeßliches Beyspiel. Mir ist es, als hörteich deine Stimme; ich vernehme noch deineWorte:

„Ihr Kinder Europensl Ehret den Gottes-funken Vernunft in euch, und vervollkommneteuch durch ihren Gebrauch. Die Freyheit istnur der Tugend erreichbar; Tugend nur mög-lich durch Vernunft- Wuth und Haß könne"nur Blut vergießen; mit Blut allein erkauftihr die Freyheit nicht. Nein, ihr erkauft euchSchande, Reue, Qual: ihr lödlet eure Freude,und eueren Frieden; darum ist, was Blutko-.stet, kein Blut werth. Der vernünftige Geistin euch werbe frey, so wird die äußere Frev^heit folgen. Tragt das Bewußtseyn eures Wer-thes im Busen; nehmt eure Begierden undLeidenschaften gefangen unter den Gehorsamder Vernunft- Kinder! ich sage euch, da»'werdet ihr nicht umsonst geglaubt, gehofft, ge'duldet haben; denn Gott — ehrt und liebt W— Gott ist gerecht! Seyd einig, wie es »ru-dern ziemt, liebt und helft euch unter einadcr; seyd ruhig und ernst im Glücke, beschesdim Genusse, standhaft und heiter im Ungl»