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Friedrich von Schiller.
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kennt eigentlich die Liebe nicht, aber aus einemunendlich verschiedenen Grunde.
Wenn ich Sie recht verstanden habe, so istes gar nicht ohne Absicht geschehen, daß SieNatalien unmittelbar vor dem Gespräch überdie Liebe und über ihre Unbekanntschaft mir die-ser Leidenschaft den Uebergang zu dem Saalder Vergangenheit nehmen lasten. Gerade dieGemülhsstimmung, in welche man durch diesenSaal versetzt wird, erhebt über alle Leidenschaft,die Ruhe der Schönheit bemächtiget sich derSeele, und diese gibt den besten Aufschluß überNatalicns liebefreyc und doch so liebevolle Natur.
Dieser Saal der Vergangenheit vermischtdie ästhetische Welt, das Reich der Schalten imidealen Sinn, auf eine herrliche Weise mit demlebendigen und wirklichen, so wie überhaupt allerGebrauch, den Sie von den Kunstwerken gemacht,solche gar trefflich mit dem Ganzen verbindet.Es ist ein so froher freyer Schritt aus der gebun-denen engen Gegenwart heraus, und führt dochimmer so schön zu ihr zurück. Auch der lleber-gang zu dem mittlern Sarkophag, zu Mignonund zu der wirklichen Geschichte ist von derhöchsten Wirkung. Die Inschrift: gedenkezu leben! ist trefflich, und wird es noch vielmehr, da sie an das verwünschte Memenlo worierinnert, und so schön darüber triumphirt.
Der Oheim mit seinen sonderbaren Idiosyn-krasien für gewisse Raturkörper ist gar inte-ressant. Gerade solche Naturen haben eine sobestimmte Individualität und so ein starkes Maßvon Empfänglichkeit, als der Oheim besitzenmuß, um das zu seyn was er ist. Seine Be-merkungen über die Musik, und daß sie ganzrein zu dem Ohre sprechen solle, ist auch vollWahrheit. Es ist unverkennbar, daß Sie indiesen Charakter am meisten von Ihrer eignenNatur gelegt haben.
Lothario hebt sich unter allen Hauptcharak-teren am wenigsten heraus, aber aus ganz ob-jektiven Gründen. Ein Charakter wie dieserkann in dem lueäium. durch welches der Dich-ter wirkt, nie ganz erscheinen. Keine einzelneHandlung oder Rede stellt ihn dar; man mußihn sehen, man muß ihn selbst hören, manmuß mit ihm leben. Deßwegen ist es genug,daß die, welche mit ihm leben, in dem Ver-trauen und in der Hochschätzung gegen ihn soganz einig sind, daß alle Weiber ihn lieben,die immer nach dem Lotalcindruck richten, unddaß wir auf die Quellen seiner Bildung auf-merksam gemacht werden. Es ist bey diesemCharakter der Imagination des Lesers weitMehr überlassen als bey den andern, und mitdem vollkommensten Rechte; denn er ist ästhe-tisch, er muß also von dem Leser selbst produ-rirt werden, aber nicht willkührlich, sondernnach Gesetzen, die Sie auch bestimmt genug ge-geben haben. Nur seine Annäherung an dasIdeal macht, daß diese Bestimmtheit der Zügenie zur Schärfe werden kann.
Jarno bleibt sich bis ans Ende gleich, undseine Wahl in Rücksicht auf Lydien setzt seinemCharakter die Krone auf. Wie gut haben Siedoch Ihre Weibxr unterzubringen gewußt. -Charaktere wie Wilhelm, wie Lothario könnennur glücklich seyn durch Verbindung mit einemharmonirenden Wesen; ein Mensch wie Jarno
kann es nur mit einem contrastirenden werden;dieser muß immer etwas zu thun und zu den-ken und zu unterscheiden haben.
Die gute Gräsin fährt bey der poetischen5 Wirthsrechuung nicht zum besten; aber auchhier haben Sie völlig der Natur gemäß gehan-delt. Ein Charakter wie dieser kann nie aufsich selbst gestellt werden; es gibt keine Ent-wicklung für ihn, die ihm seine Ruhe und sein10 Wohlbefinden garantiren könnte; immer bleibter in der Gewalt der Umstände, und daher isteine Art negativen Zustandes alles was für ihngeschehen kann. Das ist freylich für den Be-trachter nicht erfreulich, aber es ist so, und15 der Künstler spricht hier bloß das Naturgesetzaus. Bey Gelegenheit der Gräfin muß ich be-merken, daß mir ihre Erscheinung im achte»Buche nicht gehörig motivirt zu seyn scheint.Sie kommt zu der Entwicklung, aber nicht aus20 derselben.
Der Graf soutenirt seinen Charakter treff-lich, und auch dieses muß ich loben, daß Sieihn durch seine so gut getroffenen Einrichtun-gen im Hause an dem Unglück des Harfenspie-25 lers Schuld seyn lassen. Mit aller Liebe zurOrdnung müssen solche Pedanten immer nurUnordnung stiften.
Die Unart des kleinen Felix, aus der Flaschezu trinken, die nachher einen so wichtigen Er-50 folg herbeyführt, gehört auch zu den glücklich-sten Ideen des Plans. Es gibt mehrere dieserArt im Roman, die insgesammt sehr schön er-funden sind. Sie knüpfen auf eine so simpleund naturgemäße Art das Gleichgültige an das55 Bedeutende und umgekehrt, und »erschmelzendie Nothwendigkeit mit dem Zufall.
Gar sehr habe ich mich über Werners trau-rige Verwandlung gefreut. Ein solcher Phili-ster konnte allenfalls durch die Jugend und40 durch seinen Umgang mit Wilhelm' eine Zeit-lang cmporgetragen werden; sobald diese zweyEngel von ihm weichen, fällt er, wie recht undbillig, der Materie anheim, und muß endlichselber darüber erstaunen, wie weit er hinter45 seinem Freunde zurückgeblieben ist. Diese Fi-gur ist auch deßwegen so wohlthätig für dasGanze, weil sie den Realism, zu welchem Sieden Helden des Romans zurückführen, erklärtund veredelt. Jetzt steht er in einer schönen50 menschlichen Mitte da, gleichweit von der Phan-tasterey und der Philisterhafcigkeit, und indemSie ihn von dem Gange zur ersten so glücklichheilen, haben Sie vor der letzter» nicht weni-ger gewarnt.
55 Werner erinnert mich an einen wichtigen,chronologischen Verstoß, den ich in dem Romanzu bemerken glaube. Ohne Zweifel ist es IhreMeinung nicht, daß Mignon, wenn sie stirbt,ein und zwanzig Jahre und Felix zu derselben00 Zeit zehn oder eils Jahre alt seyn soll. Auchder blonde Friedrich sollte wohl bey seiner letz-ten Erscheinung noch nicht etliche und zwanzigJahre alt seyn u. ,s. f. Dennoch ist es wirklichso, denn von Wilhelms Engagement bey Serlo85 bis zu seiner Zurückkunfc auf Lothario's Schloßsind wemgstens sechs Jahre verflossen. Wernerder im fünften Buche noch unverheirathet war,hat am Anfang des achten schon mehrere Jun-gens, die schreiben und rechne», handeln und