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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
501-502
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Friedrich Maximilian von Klinker.

Friedrich Maximilian von Klinger.

Faust.

Lange hatte sich Faust mit den Seifenblasender Metaphysik, den Irrwischen der Moral,und den Schatten der Theologie herumgeschla-gen, ohne eine feste, haltbare Gestalt für seinen 15Sinn herauszukämpfen. Ergrimmt warf ersich in die dunkeln Gefilde der Magie, undhoffte nun der Natur gewaltsam abzuzwingen,was sie uns so eigensinnig verbirgt. Sein ersterGewinn war die merkwürdige Erfindung der 20Buchdruckerey; schaudervoller war der zweyte.

Er entdeckte durch Forschen und Zufall diefurchtbare Formel, den Teufel aus der Höllezu rufen, und ihn dem Willen der Menschenunterlhänig zu machen. Bis jetzt konnte er 25sich noch nicht, aus Borliebe zu seiner unsterb-lichen Seele, für die jeder Christ wacht, ohnesie weiter zu kennen, zu diesem gefährlichenSchritt entschließen. In diesem Augenblick warer ein Mann in seiner vollen Blüthe. Die 3»Natur harte ihn wie einen ihrer Günstlinge be-handelt, ihm einen schönen, festen Körper, undeine bedeutende, edle Gcsichtsbildung verliehen.Genug um Glück in der Welt zu machen;aber da sie die gefährlichen Gaben: strebende 35stolze Kraft des Geistes, hohes, feuriges Gefühldes Herzens, und eine glühende Einbildungs-kraft hinzufügte, die das Gegenwärtige nie be-friedigte, die das Leere, Unzulängliche des Er-häschten, in dem Augenblick des Genusses auf- 40spürte, und alle seine übrigen Fähigkeiten be-herrschte, so verlor er bald den Pfad des Glücks,auf den nur Beschränktheit den Sterblichen zuführen scheint, und auf welchem ihn nur Be-scheidenheit erhält. Früh fand er die Grenzen 45der Menschheit zu enge, und stieß mit wilderKraft dagegen an, um sie über die Wirklichkeithinüber zu rücken. Durch das was er in frü-hern Jahren begriffen und gefühlt zu habenglaubte, faßte er eine hohe Meynung von den 6«Fähigkeiten, dem moralischen Werthe des Men-'schen und in der Vergleichung mit andern,legte er natürlich seinem eignen Selbst, (wel-ches der größte Geist mit dem flachsten Schafs-kopf gemein hat) den größten Theil der Haupt- 55summe bey. Zunder genug zu Größe und Ruhm;da aber wahre Größe und wahrer Ruhm, gleichdem Glücke, den am meisten zu fliehen scheinen,der sie dann schon erhäschen will, bevor er ihrefeinen reinen Gestalten von dem Dunst und 60Nebel absondert, den der Wahn um sie gezo-gen, so umarmte er nur zu oft eine Wolkefür die Gemahlin des Donnerers. In seiner2uge schienen ihm der kürzeste und bequemsteWeg zum Glück und Ruhm die Wissenschaften 65öu seyn; doch kaum hatte er ihren Zauber ge-astet, als der heftigste Durst nach Wahrheitsh seiner Seele entbrannte- Jeder, der dieseSirenen kennt, und ihnen ihren betrügcriichen

Gesang abgelernt hat, fühlt (wenn er die Wis-senschaften nicht als Handwerk treibt,) ohnemein Erinnern, daß ihm sein Zweck, diesen bren-nenden Durst zu stillen, entwischen mußte-Nach langem Herumtaumeln in diesem Laby-rinthe waren seine Erndte: Zweifel, Unwilleüber die Kurzsichtigkeit des Menschen, Miß-muth und Murren gegen den, der ihn geschaf-fen, das Licht zu ahnden, ohne die dicke Fin-sterniß durchbrechen zu können. Noch wäre erglücklich gewesen, hätte er mit diesen Empfin-dungen allein zu kämpfen 'gehabt; da aber dasLesen der Weisen und Dichter tausend neueBedürfnisse in seiner Seele erweckte, und seinenun beflügelte und zugekünstelte Einbildungs-kraft die reizenden Gegenstände des Genusses,die Ansehen und Gold allein verschaffen kön-nen, unabläßig vor seine Augen zauberte, sorann sei» Blut wie Feuer in seinen Adern, undalle seine übrigen Fähigkeiten wurden von die-sem einzigen Gefühl verschlungen. Durch diemerkwürdige Erfindung der Buchdruckerey glaubteei sich endlich die Thore zum Reichthum, Ruhmund Genuß aufgesprengt zu haben. Er hattesein ganzes Vermögen darauf gewandt, sie zurVollkommenheit zu bringen, und trat nun vor-dre Menschen mir seiner Entdeckung; aber ihreLaulichkeit und Kälte überzeugten ihn bald, daßer-, der größte Erfinder seines Jahrhunderts,mit seinem jungen Weibe und seinen KindernHungers sterben könnte, wenn er nichts anderszu treiben wüßte. Von dieser stolzen Hoffnungso tief herabgesunken, gedrückt von einer schwe-ren Schuldenlast, die er sich durch leichtsinnigeLebensart, übertriebene Freygebigkeit, unvorsich-tige Bürgschaften und Unterstützung falscherFreunde, auf den Hals gezogen, warf er einenBlick auf die Menschen; sein Groll färbte ihnschwarz, sein häusliches Band, da er seine Fa-milie nicht mehr zu erhalten wußte, ward ihmzur Last, und er sing für immer an zu glau-ben , daß die Gerechtigkeit nicht den Vorsitzbey der Austheilung des Glücks der Menschenhabe. Er nagte an dem Gedanken: wie undwoher es käme, daß der fähige Kopf und Ver-edle Mann, überall unterdrückt, vernachläßigtsey, im Elende schmachte, während der Schelmund der Dummkopf reich, glücklich und ange-sehen wären. So leicht nun Weise und Pre-diger diesen Zweifel zu heben wissen, so erbit-tert er gleichwohl, da sie nur zu dem Ver-stände reden, und das Gefühl durch die täglicheErfahrung verwundet wird, das Herz des Stol-zen, und schlägt den Sanstern nieder. Zu denerster» gehörte Faust. Von diesem Augenblickstrebte sein gekränkter Geist, den verschlungenenKnäuel aufzuwickeln, über dessen Auflösung soviele taufende die Ruhe und das Glück ihres