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Jean Paul Friedrich Richter.
nehme, ordne und inventire und der an seineLebensbeschreibung, die in der ganzen Biblio-thek wäre, seine letzten Stunden, salls er siejetzt hätte, zur Kompletirung gar hineinstieße,denn seine Alte wäre keine Gelehrtin und seinenSohn hätt' er auf drei Wochen auf die Uni-versität Heidelberg gelassen."
Seine Aussaat von Blattern und Runzelngab seinem runden kleinen Gesichtchen äußerstfröhliche Lichter; jede schien ein lächelnder Mund:aber es gefiel mir und meiner Semiotik nicht,daß seine Augen so blitzten, seine Augenbrau-nen und Mund-Ecken so zuckten und seine Lip-pen so zitierte».
Ich will mein Versprechen der Spezifika-tion halten: auf dem Deckbette lag eine grün-kaftne Kinderhaube, wovon das eine Band ab-gerissen war, eine mit abgegriffnen Goldflitter-chen überpichre Kinderpeitsche, ei» Fingerringvon Zinn, eine Schachtel mit Zwerg-Büchel-chcn in 128 Format, eine Wand-Uhr, ein be-schmuztes Schreibbuch und ein Finkenklobenfingerlang. Es waren die Rudera und Spät-linge seiner verspielten Kindheit. Die Kunst-kammer dieser seiner griechischen Alterthümerwar von jeher unter der Treppe gewesen —denn in einem Haus, das der Blumenkübel undTrcibkaste» eines einzigen Stammbaumes ist)bleiben die Sachen Jahrfunfzig lang in ihrerStelle ungerückt — und da es von seiner Kind-heit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm war, alleseine Spielwaaren in geschichtlicher Ordnungaufzuheben, und da kein Mensch das ganze Jahrunter die Treppe guckte als er: so konnt' ernoch am Rüsttage vor seinem Todestage dieseUrnenkrüge eines schon gestorbenen Lebens umsich stellen und sich zurückfreuen, da er sich nichtmehr vorauszufreuen vermochte. Du konntestfreilich, kleiner Maria, in keinen Antikentem-pel zu Sanssouci oder zu Dresden eintretenund darin vor dem Weltgciste der schönen Na-tur der Kunst niederfallen; aber Du konntestdoch in Deine Kindheit-Anliken-Sriflshüttc un-ter der finstern Treppe gucken und die Gira-ten der auferstehenden Kindheit spielten wie desgemalten Jesuskindes seine im Stall, an dendüstern Winkeln! O wenn größere Seelen alsDu, aus der ganzen Orangerie der Natur soviel süße Säfte und Düfte sögen als Du ausdem zackigen grünen Blatte, an das Dich dasSchicksal gehangen: so würden nicht Blätter,sondern Gärten genossen und die bessern unddoch glücklichern Seele» verwunderten sich nichtwehr, daß es vergnügte Meisterlein geben kann.
Wuz sagte und bog den Kopf gegen dasBücherbret hin: „wenn ich mich an meinen ernst-haften Werken matt gelesen und korrigiert; soschau ich stundenlang die Schnurrpseifereienan und das wird hoffentlich einem Bücherschrei-der keine Schande sein."
3ch müßt' aber nicht, womit der Welt indieser Minute mehr gedient ist als wenn ich ihrden räsonnirenden Katalog dieser KunststückeUnd Schgurrpfeifereien zuwende, den mir der^azienr zuwandte. Den zinnenen Ring hatt'hm vierjährige Mamsell des vorigen Pastors,
da sie mit einander von einem Spielkameradenehrlich und ordentlich kopuliert wurden, als Ehe-pfand angesteckt — das elende Zinn löthete ihnfester an sie als edlere Metalle edlere Leute5 und ihre Ehe brachten sie auf vier und fünfzigMinuten. Ost wenn er nachher als geschwärz-ter Alumnus sie mit nickenden Federn-Stan-darten am dünnen Arme eines gesprenkelte»Elegant spatzieren gehen sah, dachte er an den10 Ring und an die alte Zeit. Ueberhaupt hab'ich bisher mir unnütze Mühe gegeben, es zuverstecken, daß er in alles sich verliebte, waswie eine Frau aussah; alle Fröhliche seiner Artthun dasselbe; und vielleicht könne» sie es, weil15 ihre Liebe sich zwischen den beiden Extremenvon Liebe aufhält und beiden abborgt, so wieder Busen Band und Kreole der platonischenund der epikurischen Reize ist. — Da er seinemVater die Thurmuhr aufziehen half, wie vor20 Zeiten die Kronprinzen mir den Vatern in dieSitzungen gingen: so konnte so eine kleine Sacheihm einen Wink geben, ein lackirtes Kästchenzu durchlöchern und eine Wand-Uhr daraus zuschnitzen, die niemals ging; inzwischen halte sie25 doch, wie mehre Staatskörper, ihre langen Ge-wichte und ihre ausgezackten Räder, die mandem Gestelle nürnbergischer Pferde abgehobenund so zu etwas befferm verbraucht halte. —Die grüne Kinderhaube mit Spitzen gerändert,30 das einzige Ueberbleibsel seines vorigen vierjäh-rigen Kopfes, war seine Büste und sein Gips-abdruck vom kleinen Wuz, der jetzt zu einemgroßen aüsgcfahren war. Alltags-Kleider stellendas Bild eines todten Menschen weit inniger35 dar als sein Portrait; — daher besah Wuz dasGrün mit sehnsüchtiger Wollust und es warihm als schimmere aus dem Eis des Alters einegrüne Rasenstelle der längst überschneicen Kind-heit vor; „nur meinen Unterrock von Flanell,40 sagte er, sollt' ich gar haben, der mir allemaiunter den Achseln zugebunden wurde!» — Mirist sowohl das erste Schreibbuch des Königs vonPreußen als das des Schulmeisters Wuz be-kannt, und da ich beide in Händen gehabt: so45 kann ich urtheilen; daß der König als Mannund das Meisterlein als Kind schlechter geschrie-ben. „Mutter, sagt' er zu seiner Frau, be-tracht' doch, wie Dein Mann hier (im Schreib-buch) und wie er dort lin seinem kalligraphischen50 Meisterstück von einem Lehnbrief, den er an dieWand genagellj geschrieben: ich freff' mich abernoch vor Liebs, Mutter!" Er prahlte vor nie-mand als vor seiner Frau; und ich schätze denVortheil so hoch als er werth ist, den die Ehe55 hat, daß der Ehemann durch sie noch ein zwei?tes Ich bekommt, vor welchem er sich ohneBedenken herzlich loben kann. Wahrhaftig dasdeutsche Publikum sollte ein solches zweites Ichvon Autoren abgeben! — Die Schachtel war00 ein Bücherschrank der lilliputischen Traktätchenin Fingerkalender-Formal, die er in seiner Kind-heit dadurch herausgab, daß er einen Vers ausder Bibel abschrieb, es heftete und blos sagte:„abermals einen recht hübschen Kober gemacht I" i)05 Andre Autores vermögen dergleichen auch, abererst wenn sie herangewachsen sind. Als er mir
<> Kobers Kabinctsprediger — in dem mehr Geist steckt (freilich oft ein närrischer), als in zwanzig jetzigenvvSgelaugten Predigthanfcn.