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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
575-576
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Jean Paul Friedrich Richter.

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und des Kämpfers. Das Heer wünschte feurig,nur recht bald vor den Feind geführt zu wer-den, um früher davon zu laufen, und die eigneRolle wie Orchester-Geiger besser zu spielen,so daß dasselbe wie diese, dem ganzen Krieg-theater nur den Rücken zeigte, und nur dieInstrumente handhabte.

Es gab im ganzen Heere nicht drei, welchenicht christlich und philosophisch dachten, undnicht die so oft und so- vergeblich gepredigtenLodes-Betrachtungen anstellten, unaufhörlich er-wägend, daß sie jede Stunde sterben könnten.So denkt der Christ und der Philosoph ohnestolze Sicherheit des Sünders! — So der Geist-liche, der durch seine Leichenpredigt unaufhör-lich an den Tod erinnert und erinnernd, nichtkeck vor ein ansteckendes Bett voll Typhus tritt,sondern lieber in seinem eignen zu Hause bleibt.

Fünftes Kapitel,

worin die Kriegflammen lodern und Eroberun-gen um sich greifen.

Nach anderthalb Stunden passiere der heim-liche Spion Maria's durch die schneiderischeArmee zurück, und hinterbrachte unterwegs denTruppen, wie er oben auf der Ruine ganz deut-lich gesehen, daß die Käuzen sich der Großlau-sauischen Hauptstadt ohne Schwirlschlag bloßdurch Trommelschlag bemächtigt hätten. Werin der Well weiß, was Jammer ist, dem brauchich den Großlausauer gar nicht zu schildern.Von den vier Kardinallastern des Kriegs: näm-lich: Tödren, Schwelgen, Plündern und Fliehn,hatte der Feind durch den Äortrab die dreiersten voraus, und ließ höchstens das viertenoch übrig. Da der Mensch überhaupt, alsGegenspiel des Bären, der im Kampfe sichmenschlich auf zwei Füße stellt, darin gern thie-risch auf vier niederfällt, und da an den mensch-lichen Soldaten wie an bleiernen sich durch lan-gen Gebrauch leicht die Röthe abfärbt <dieSchamrörhe), so daß ihnen desto weniger Blutin die Wangen steigt, je mehres sie aus frem-den ausgelassen: so konnten (sah jeder Meistervoraus), vollends die Liberianer in der Haupt-stadt nichts anders sein, als des Teufels leben-dig. Sie konnten — mußten angeseßne Ma-rianer befahren — die besten Schuldscheine durchInstrumente, und die Imus <Ivo'!> durch 'I'«üeums tilgen, und ihre Schulden absitzen durchbloße Einquartirung. Indeß ist es doch, mei-ner Meinung nach der Gebrauch, jemand zubezahlen, indem man ihn vor den Kopf schlägt,von dem Gebrauche auf der Insel Sumatranicht verschieden, wo man ehemals keine andereMünzsorte hatte als feindliche Schädel; undnatürlich greift man am liebsten zum nächsten.Was das Plündern anlangt, so sei man dochgerecht, und mehr Christ als Heide; denn istKrieg ein Ausdreschen der Völker, so ist esnicht billig, wenn man dem Soldaten, der trittund drischt, wie die Griechen dem dreschendenThiere mit einem besondern Zaume (im Grie-chischen solle er Ki-evorixu-r?, geschrieben werden,denn ich versteh' keines) das Maul verbindet;denn Gott hatte den Juden befohlen, so langedie Thiere von der Ernte fressen zu lassen, als

sie daran draschen, daher grade diese Dreschersich durch saure Arbeit mästeten.

Jetzo wurde Generalmarsch geschlagen, undMarschschritt kommandiert, unter dem unauf-5 hörlichen zwar nicht Kanonen- aber Trommel-donner ging man auf die eigne Residenzstadtlos, um sie los zu machen und zu befreien.Es war kein einziger Held im ganzen Zuge,der nicht gewünscht hätte, gleich einem La-ll) fchenspieler Kunstfeuer zu speien, um so damitdem verächtlichen Feinde recht ins Gesicht zuspeien und zu feuern; und jeder schwur, ihnzu verfolgen, wenn er liefe. O überhauptwürde selten der Muth fehlen, wenn man mehr15 wüßte, wie viel dem Feinde davon abgehe!Wenn in Loango das Heer einem Hasen auf-stößt, so wird es auf der Stelle heroisch, weiles den Hasen sein recht nützlicher und wün-schenswerther Aberglaube) für einen Geist an-20 sieht, der ihm die Feigheit des Feindes ansagensoll, und in der That sollten nur die feigstenRegimenter als eben so viele Wagehälse überdie Feinde herfallen, so bald sich diese als Ha-sen zeigten, der Ehrenpunkl griff' ein, und25 kein Soldat will gern vor einem Vorläuferlaufen.

Gleichwol wurde der kriegerische Muthspäter verstimmt von zwei Unfällen. Nämlichein Rittmeister, welcher (und ich habe nie wi-!!0 versprechen hören) für den Achilles und Herosvon Großlausau galt, setzte vor 5» rechte»und 50 linken Augen kühn über einen Graben,und an sich glücklich genug; aber durch denFlug fuhr dem Gaule der Schwanz ab, der zu55 schwach an den Schwanzriemen befestigt war —(o welche Täuscher sind die Roßtäuscher sammtund sonders!) und zwar mehre Schwanzlängenvom Thiere hinweg, und das Roß schnalztenur blos einen kurzen Schweif-Abhub empor,40 einen elenden Pfeifenstummel; jedoch keinemtapfern Wann that dieser ominöse Verlust,gleichsam einer Fahne, eines Baffaschweifes son-derlich wohl.

Für den zweiten Unfall steh' ich weniger,45 da er Spuren scherzhafter Uebertreibung trägt.Es soll nämlich ein Beitelmann an der Mili-tärstraße gesessen haben, mit Wunden bedeckt,anstatt mit Pflastern und zwar im Gesichl-Ein angehender Badergeselle hatte dem Manne,5l) um ihm ein Allmosen zu geben, gratis denBart abgenommen, um sich eingeschulten aneinem Menschen im Schccren zu üben, welcherschon etwas vertragen konnte; und in dcrThat blutete der Mann wie ein erobertes55 Land. Bellelvögte zwar wollen weiter sehe»-und wagen die Vermuthung, daß der Kerl »»»so fließend da gesessen, um auf seinen Blut°strömen, wie auf Kanälen sich Güter z»iPführen; aber im Ganzen steckt' er doch dadurch60 das tapfere Heer mir einer Blutscheu an: »."?dasselbe Menschenblut, das Löwen zum Angr>m'der Feinde berauscht, machte die Mariancr i»einem Angriffe der Feinde zu nüchtern.

Maria ließ nicht nur sofort englisches Pflastr^65 (tlio xenui» cou, t-plaisloi) für die Kinnw»»"den zerschneiden, damit wenigstens die Nach-hut kein Blut sähe, sondern er vertheilte aucheine ganze Feldapotheke von diesem Pflaster »»die wichtigsten Personen des General- und des