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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
579-580
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Jean Paul Friedrich Richter, 580

machte dem Großlausauischen, dem Herausgeberdes patriotischen Archivs für Großlausau —einen bösen Possenreißer und Mokierspieler —bekannt, es komme jetzt nur auf ihn selber an,wie viele Prügel er sich wöchentlich crschreibenwolle, indem man ihm kein Haar krümmenwürde — wobei der Schreiber, ein Krauskopf,halb lächelte, nämlich mit der linken Mundeckc,— wenn er ihn und den Feldzug gehörig wür-dige, nämlich hoch genug, und der Welt dasBeste davon sage, wiewol man ihn übrigensgern gestatte, seine satyrischc Kollerader gegenseine Landsleuke schwellen zu lassen. Der pa-triotische Archivarius versetzte: „Mit Freuden,denn mir kanns einerlei sein, wen ich auslache,sobald ich mich künftig gedeckt sehe. Ein Prit-schenmeistcr und ein Knittelversmacher wäreja ein Stocknarr im eigentlichsten Sinne, wenner Knittel und Stock selber fühlen wollte." Ti-berius versprach ihm das Fiskalat oder auchein Polizeikommissariat in seinem Lande. —Und Schnabel (so hieß der Redner! hielt auchFarbe und Wort: und mit Vergnügen bekenntder Verfasser dieser Groteske, daß er Schna-beln manche dunkle Mitteltinte verdankt, welchezur höhnischen Darstellung z. B. der Kroßlau-sauer Galgenarrcstanten nur aus dessen patri-otischen Archive zu holen war.

Fürst Maria hingegen, welcher den Zeitung-schreiber des Kriegboten von und für Käuzen,Namens Maus, zu sich berief, ließ den engenbangen Mann gar nicht ohne Höflichkeit an,vielmehr bezeigte er ihm Hoffnung, Maus selberwerde den Kauzischcn Kriegboten wohl nichtmißbrauchen, fremde Verdienste, wenn auch feind-liche, zu verkleinern; so wie auch er den Ver-fasser des Kriegboten so sehr achte, daß er ihmden Charakter eines Großlausauer Kricgrathsauf der Stelle ertheile Das war zuviel fürMaus; so gelobt und gelabt siel er ihm zwarnicht zu Füßen, aber auf die eignen vier innern,und versprach alles, was in seinen Kräften stand.

Freilich stand in diesen nicht viel, und diesesehr unter den Schnabelschcn. Indeß hob dochMaus noch Abends im Druck an dem seltenenFürsten Maria den milden Eroberer, den mil-dernden Stadtgouverneur und einsichtigen Feld-herrn heraus, ohne sehr gegen den Zcitungschrei-ber Schnabel oder seine Landsmannschaft zuschreiben, theils aus Angst vor beiden, theilsaus Achtung. Ein guter Mann! wenn auchkein seltner! Im Ganzen auch ein verständiger.Der erste Artikel des Kriegboten unter demTitel: Kurzes rasn,»« des Kriegs (er liegt vormir) er bekränzt am meisten den Fürsten Ma-ria, als Ur- und Bcwindhcber des Ausgangs,und läßt die Verdienste der Schneider dahingestellt. Sein Klcichniß dabei gefällt denn doch:wie nämlich große Maler z. B. Rubens , Ra-phael, sagt' er, Schlachkcnstückc mit Kraftentwerfen und dann ihren Schülern das anderezur Ausführung übergebe», ohne daß darum dieStücke den Namen ihres hohen Urhebers zuentbehren halten -. so macht der Fürst den Ent-wurf zu einem Kriege, und lässet dann seineSchüler, die Krieger , an der Ausführung mitarbeiten, gleichsam ein zweiter ltlaxUv-Uoirai».

I) Briefe über Zndien, in, Frei, milbigen von <a»k.

der den Kriegschauplatz, wie der erste die Land-schaften, selber bestimmt, und die Menschen, wiedieser, von andern bestimme» läßt.

Ich will einen Augenblick über Zeitungschrei-5 der nachsinnen, und dann erwägen, ob ihre nichtgemeine Fertigkeit, durch einen Sieg des Feindesplötzlich, wie oft der Magnet durch einen Blitzstrahldie Pole umzutauschen - dcrabsticß, zieht jetzo an— mehr zu wünschen, mehr zu verwünschen sei-10 Allerdings hat auf der einen Seite die Anlageihr Gutes, die zum Wechsel mit Tadel; ja sie istvielleicht ein so reiches Geschenk der Natur alsdas, welches sie jenem mißgebornen Knaben mitzwei Steißen gemacht'), unter welchem der15 Junge — da beide ächter waren als sonst beieiner Dame mit einem Pariser li»I, — denje-nigen nach Belieben auslesen konnte, womit erzu Stuhle gehen wollte; wie gesagt, ein Zei-tungschrciber, der zwei solche Hintcrtheile für20 entgegengesetzte Parteien bereit hat, um einesdavon jeder geschlagnen zu zeigen, gewinnt stetsRuhm und Schirm von der siegenden.

Auf der andern Seite ist leider nicht zubergen, daß ein solcher Schreiber mir ähnlich25 ist, als ich noch Philosoph war, oder andern,die es noch sind. Ich erinnere mich deutlich,daß ich als Stubengelehrter in meiner Studier-stubc saß, und das Kantische Lehrgebäude fürmich wie eine gute Loge zum Licht im Köpft5V trug, als ein Teufel, ein Buchhändler mir ei-nen Bücherballen von Anesidemus und Fichteund andern ins Haus schickte, wovon ich schonvorher durch andere erfahren, daß der Ballendas Lehrgebäude erschüttere. „Jetzo um 1 Uhr35 bist du noch, sagt' ich auf- und abgehend, glück-lich und kantisch, und sitzest fest und froh aufdeinem kritischen Dreifuß; nun kommt's aufdich an, wann du das noch eingepackte Systemannimmst, daß dein Dreifuß die Beine abbricht."40 Ich entschloß mich aus Vorliebe noch die ganzeNacht zu den Kantianer» zu gehören, und erstam Morgen den Ballen aufzuschnüren, um spä-ter zu «negieren. Es würde Schmerzen geben,wenn ich meine Empfindung vom Lebewohl der45 Kritik, und wie ich diese ordentlich noch einMal glaubend überlief, unter dem Aufschnürenmalen wollte. Was half mir's aber, daß ichwieder ein gutes Lehrgebäude am FichtischeuUniversikätgebäude und Sakramenthäuschcn be-50 kam, und darin mich als Mielhmann setzte,als gar zu bald ein Schellingschcr Ballen ein-lief? — Ich sagte aber trotzig: „dieses >wueSystem will ich noch annehmen, und zum lle-bcrsluffe hernach das, welches wieder jenes um-55 wirft; aber dann soll mich der Henker hole»,wenn ich, — bei meinem Ordinariat philosmphischer Fakultäten - es nicht anders macht-Aber ich mach' es auch jetzo anders, ichgewöhnlich sechs oder acht Systeme zusaM»>e»60 kommen, und lese das widerlegende früher Mdas widerlegte, und weiß mich also durch dies^Rückwärts-Lesen - wie die Hexen mit demRückwärts-Beten des Vaterunsers bczaubernso glücklich zu entzaubern, daß ich jetzo, wem65 ich mir nicht zuviel zutraue, vielleicht der Ma»"bin, der gar kein System hak. Heimlichesleid heg' ich daher, wen» ich nach der Ol"