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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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707-708
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Friedrich Wilhelm Joseph von Schclliiig.

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diesem Sinn das Häßliche öfter und selbst mit ihm nur in ihren getrennten Elementen, auf

mehr Liebe nachgeahmt worden ist, als das der einen Seite als Schönheit, die im Begriff

Schöne. Wenn wir die Dinge nicht auf das ist und aus der Seele fließt, auf der andern

Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, als die Schönheit der Formen. Welches thätig

abgezogene Form, so sagen sie auch unserm In- 5 wirksame Band bindet nun aber beide zusam-nern nichtsk unser eignes Gemüth, unsern eig- men, oder durch welche Kraft wird die Seele

neu Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns sammt dem Leib, zumal und wie mit Einem

antworten. Was ist aber die Vollkommenheit Hauche, geschaffen? Liegt dieses nicht im Ler-

jedeS Dinges? Nichts anders, denn das schaf- mögen der Kunst, wie der Natur, so vermag

sende Leben in ihm, seine Kraft, dazusein. 10 sie überhauvt nichts zu schaffen. Dieses lebendigeNie also wird dem, welchem die Natur über- Mittelglied bestimmte Winkelmann nicht; er lehrte

Haupt als Todtes vorschwebt, jener tiefe, dem nicht, wie die Formen von dem Begriff aus er-

chemischen ähnliche Prozeß gelingen, wodurch, zeugt werden können. So ging die Kunst zu

wie im Feuer geläutert, das reine Gold der jener Methode über, die wir die rückschreitende

Schönheit und Wahrheit hervorgeht. 15 nennen möchten, weil sie von der Form zu dem

Nichts geändert in der Hauptansicht dieses Wesen strebt. Aber so wird das Unbedingte

Verhältnisses wurde auch da, als man anfing, nicht erreicht: durch bloße Steigerung des Bc-das Ungenügende jenes Grundsatzes allgemeiner dingten wird es nicht gefunden. Darum zeigen

zu empfinden. Nichts selbst durch die herrliche solche Werke, die ihren Anfang von der Form

Stiftung neuer Lehre und Erkenntniß durch 20 genommen haben, bei aller Bildung von SeitenJohann Winkelmann. Zwar er setzte die Seele der letzten als Merkmal ihres Ursprungs eine

in der Kunst in ihre ganze Wirksamkeit wieder unaustilgbare Leere an eben der Stelle, wo wir

ein, und erhob sie von der unwürdigen Abhän- das Vollendende, Wesentliche, Letzte erwarten,

gigkeit in das Reich geistiger Freiheit. Lebhaft Das Wunder, wodurch das Bedingte zum Un-

bewegt durch die Schönheit der Formen in den 25 bedingten gehoben, das Menschliche ein Göttli-Bildungen des Alterthums lehrte er, daß Her- ches werden sollte, bleibt aus; der magische Kreisvorbringung idealischer und über die Wirklich- ist gezogen, aber der Geist, der sich in ihm fassen

keit erhabener Natur sammt dem Ausdruck gei- sollte, erscheint nicht, unfolgsam dem Rufe dessen,

stiger Begriffe die höchste Absicht der Kunst sei. der eine Schöpfung durch die bloße Form fürUntersuchen wir aber, in welchem Sinne 30 möglich hielt,von dem größten Theil jenes Uebertreffen der Ferne sei es von uns, hiemit den Geist des

Wirklichkeit durch die Kunst verstanden worden: vollendeten Mannes selbst tadeln zu wollen,

so findet sich, daß auch mir dieser Lehre die An- dessen ewige Lehre und Offenbarung des Schö-

sichr der Natur als bloßen Produkts, der Dinge nen mehr die veranlassende, als die bewirkende

als eines leblosen Vorhandenen fortbestand, und 35 Ursache dieser Richtung der Kunst wurde! Heiligdie Idee einer lebendig-schaffenden Natur da- wie das Gedächtniß allgemeiner Wohlthäter bleibe

durch keineswegs geweckt wurde. So konnten uns sein Andenken! Er stand in erhabener Ein-

denn auch jene idealischen Formen durch keine samkcit, wie ein Gebirg, durch seine ganze Zeit :

positive Erkenntniß ihres Wesens belebt sein; kein antwortender Laut, keine Lebensregung,

und waren die der Wirklichkeit todt für den 40 kein Pulsschlag im ganzen weiten Reiche dertodten Betrachter, so waren es jene nicht minder ; Wissenschaft, der seinem Streben entgegen kam.

war von den letzten keine selbstthätige Hervor- Als seine wahren Genossen kamen, da eben

bringung möAich, so auch nicht von den ersten. wurde der Treffliche dahin gerafft. Und dennoch

Der Gegenstand der Nachahmung wurde ver- hat er so Großes gewirkt! Er gehört durch

ändert, die Nachahmung blieb. An die Stelle 45 Sinn und Geist nicht seiner Zeit, sondern cnt-

der Natur traten die hohen Werke des Alter- weder dem Alterthum an, oder der Zeit, deren

rhums, von denen die Schüler die äußere Form Schöpfer er wurde, der gegenwärtigen. Er gab

abzunehmen sich befleißigten, doch ohne den durch seine Lehre die erste Grundlage jenem all-

Geist, der sie erfüllet. Jene sind aber eben so gemeinen Gebäude der Erkenntniß und Wiffen-

unnahbar, ja sie sind unnahbarer, als die Werke 60 schaft des Alterthums, das spätere Zeiten aus-ser Natur, sie lassen dich kalter noch als jene, zuführen begonnen haben. Ihm zuerst ward

wenn du nicht das geistige Auge hinzubringst, der Gedanke, die Werke der Kunst nach der

die Hülle zu durchdringen, und die wirkende Weise und den Gesetzen ewiger Naturwerke zu

Kraft in ihnen zu empfinden. betrachten, da vor und nach ihm alles andere

Von der andern Seite erhielten zwar die 55 Menschliche als Werk gesetzloser Willkür ange-Künstler seit dieser Zeit einen gewissen ideali- sehen und demgemäß behandelt wurde. Sein

scheu Schwung und Vorstellungen einer über Geist war unter uns wie eine von sanften

die Materie erhabenen Schönheit, aber diese Himmelsstrichen Herwehende Luft, die den Kunst-

Vorstellungen waren wie schöne Worte, denen Himmel der Vorzeit uns entwölkte und die Ur-

die Thaten nicht entsprechen. Hatte früherer 00 fache ist, daß wir jetzt mit klarem Aug undKunstgebrauch Körper ohne Seele erzeugt, so durch keine Umnebelung verhindert die Sterne

lehrte diese Ansicht nur das Geheimniß der Seele, desselben erblicken. Wie hat er die Leere seiner

aber nicht das des Körpers. Die Theorie war, Zeit empfunden ! Ja, hätten wir keinen an-

wie es zu geschehen pflegt, mit einem raschen dcrn Grund als sein ewiges Gefühl der Freund-

Schritte auf die entgegengesetzte Seite hinüber 05 schaft und die unauslöschliche Sehnsucht ihresgetreten, aber die lebendige Mitte halte sie noch Genusses, so wäre diese Rechtfertigung genug

nicht gefunden. für das Wort der Bekräftigung geistiger Liebe

Wer kann sagen, daß Winkelmann die höchste gegen den Vollendeten, den Mann klassischenSchönheit nicht erkannt? Aber sie erschien bei Lebens und klassischen Wirkens. Und hat er