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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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719-720
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Friedrich Wilhelm

zu machen. Denn um diejenigen Leidenschaftenzu mäßigen, welche nur eine Empörung niede-rer Naturgeister sind, muß die Seele nicht her-bei gerusen werden; noch kann sie im Gegensatzmit demselben gezeigt werden, den» wo die Be-sonnenheit noch mit diesen ringt, ist die Seeleüberhaupt noch nicht aufgegangen: diese muffe»schon durch die Natur des Menschen, durch dieMacht des Geistes gemäßigt sein. Allein eSgibt höhere Fälle, in denen nicht nur eine ein-zelne Kraft, in denen der besonnene Geist selbstalle Dämme durchbricht; ja Fälle, wo auch dieSeele durch das Band, das sie mir dem sinn-lichen Dasein verknüpft, dem Schmerz, der ihrergöttlichen Statur fremd sein wollte, unterworfenwird, wo der Mensch sich nicht durch bloßeNaturkräfte, sondern durch sittliche Mächte be-kämpft und in der Wurzel seines Lebens ange-griffen fühlt, wo unverschuldeter Irrthum ihnin Verbrechen und damit ins Unglück reißt,tief gefühltes Unrecht die heiligsten Gefühle derMenschlichkeit zur Empörung aufruft. Es istdies der Fall aller wahrhaft und im erhabenenSinn tragischen Zustände, wie sie uns dasTrauerspiel des Alterthums vor Augen stellt.Wenn blind leidenschaftliche Kräfte aufgeregtsind, so ist der besonnene Geist als Hüter derSchönheit gegenwärtig; wenn aber der Geistselbst wie durch eine unwiderstehliche Gewaltfortgerissen wird, welche Macht schützt da,wachend über sie, die heilige Schönheit? Oderwenn auch die Seele mitleidet, wie rettet siesich von Schmerz und vor Entweihung?

Willkürlich die Kraft des SchmerzenS, desempörten Gefühls zurück hallen, wäre gegenSinn und Zweck der Kunst gesündigt, und ver-riethe Mangel an Empfindung und Seele indem Künstler selbst. Schon dadurch, daß dieSchönheit auf große und feste Formen gegrün-det zum Charakter geworden ist, hat sich dieKunst das Mittel bereiter, ohne Verletzung desEbenmaßes die ganze Größe der Empfindungzu zeigen. Denn wo die Schönheit auf mäch-tigen Formen wie auf unverrückbaren Säulenruht, läßt uns schon eine geringe, und jene kaumberührende Veränderung ihrer Verhältnisse aufdie große Gewalt schließen, welche nöthig war,sie zu bewirken. Noch mehr heiligt Anmuthden Schmerz. Ihr Wesen beruhet darauf, daßsie sich selbst nicht kennet; wie sie aber nichtwillkürlich erworben wird, so kann sie auch nichtdurch Willkür verloren gehen; wenn ein uner-träglicher Schmerz, ja wenn Wahnsinn, vonstrafenden Götter» verhängt, Bewußtsein undBesinnung raubt, steht sie noch als schützenderDämon bei der leidenden Gestalt, und macht,daß sie nichts Ungeschicktes, nichts der Mensch-heit Widerstrebendes vollbringe, sondern, wennsie fällt, wenigstens als ein reines und unbe-flecktes Opfer falle. Noch nicht die Seeleselbst, aber die Ahndung derselben, bringt sieschon durch natürliche Wirkung hervor, wasjene durch eine göttlichcKrast, indem sie Schmerz,Erstarrung, ja den Tod selbst in Schönheit ver-wandelt.

Dennoch wäre diese in der äußersten Wider-wärtigkeit bewährte Anmuth todt ohne ihreVerklärung durch die Seele. Welcher Ausdruckaber kann ihr in dieser Lage zukommen? Sie

Joseph von Schclling.

rettet sich vom Schmerz, und tritt siegreich,nicht besiegt, hervor, indem sie ihr Band mitdem sinnliche» Dasein aufgibt. Der Naturgeistmag für dessen Erhaltung seine Kräfte aufbie-5 ten, die Seele geht nicht ein in diesen Kampf;aber ihre Gegenwart besänftigt selbst die Stürmedes schmerzhaft ringenden Lebens. Jede äußereGewalt kann auch nur äußere Güter rauben,die Seele nicht erreiche»; ein zeitliches Band10 zerreißen, das ewige einer wahrhaft göttlichenLiebe nicht auflösen. Nicht hart und empfin-dungslos, oder die Liebe selbst aufgebend, zeigtsie vielmehr diese allein im Schmerz, als diedas sinnliche Dasein überdauernde Empfindung,15 und erhebt sich so über den Trümmern desäußern Lebens oder Glückes in göttlicher Glorie.

Dieses ist der Ausdruck der Seele, den unsder Schöpfer der Niobc im Bilde gezeigt hat.Alle Mittel der Kunst, wodurch auch das Schreck-20 liehe gemäßigt wird, sind hier in Wirkung ge-setzt. Mächtigkeit der Formen, sinnliche An-muth, ja die Natur des Gegenstandes selbst lin-dert den Ausdruck, dadurch, daß der Schmerz,allen Ausdruck übertreffend, ihn selbst wieder25 aufhebt und die Schönheit, welche lebendig zuretten unmöglich schien, durch die eintretendeErstarrung vor Verletzung bewahrt wird. Waswäre dennoch alles ohne die Seele, und wieoffenbart sich diese? Wir sehen auf dem Antlitz30 der Mutter, nicht den Schmerz allein über dieschon hingestreckte Blüthe der Kinder, nicht dieTodesangst allein um die Rettung der nochübrigen und der jüngsten in ihren Schooß sichflüchtenden Tochter, nicht Unwillen gegen die35 grausamen Gottheiten, am wenigsten, wie vor-gegeben wird, kalten Trotz ; wir sehen jenes alles,aber nicht für sich, sondern durch Schmerz,Angst und Unwillen strahlt wie ein göttlichesLicht die ewige Liebe als das allein Bleibende,40 und in dieser bewährt sich die Mutter, als einesolche, die es nicht war, die es ist, die durchein ewiges Band mit den Geliebten verknüpft bleibt.

Jedermann bekennt, daß Größe, Reinheitund Güte der Seele auch ihren sinnlichen Aus-45 druck haben. Wie ließe sich dieses gedenken,wäre nicht auch das in der Materie thätigePrincip schon ein seelenverwandtes und seelen-ähnliches Wesen? ES gibt nun in der Dar-stellung der Seele wiederum Stufen der Kunst-50 Die erste, wo sie als noch unrerscheidbares Ele-ment gegenwärtig ist, mehr an sich, als i»voller Verwirklichung; die andere, wo sie mirHuld und Anmuth sichtbar zusammenfließt. Wersieht nicht ein, daß schon in der Tragödie des55 Aeschylos jene hohe Sittlichkeit wallet, die inden Werken des Sophokles einheimisch wohnt?Aber sie ist dort noch in eine herbe Hülle ver-schlossen, und theilt sich weniger dem Ganze»mit, weil es noch an dem Bande sinnlicher Am60 muth fehlt. Aus diesem Ernst und den »ochfruchtbaren Grazien der ersten Kunst konntejedoch die Sophokleische Anmulh Hervorgehe»Und mit dieser jene vollkommene Lerschmelzunöbeider Elemente, die uns zweifelhaft läßt, ob es65 mehr die sittliche Grazie oder die sinnliche An-muth ist, die uns in den Werken dieses Dicksterentzückt. Eben dieses gilt von den plastisch^'Erzeugnisse» des »och strengen Stpls, in 8-egleich mit denen der spätern Milde.