«3t
832
Karl August Varnhagcn von Ense.
Truppen nachdrücklich vor, und kehrten mitden besten Versprechungen zurück. Der Feld-marschall begab sich alsbald selbst zu dem Heere,das er bei Winsen an der Aller fand, übernahmden Oberbefehl, und stillte die Unzufriedenheitso gut er konnte durch beträchtliche Geldzahlun-gen, welche, obgleich noch immer nicht ausrei-chend, doch schon so sehr die aus Schwedenmitgebrachten Hülfsmittel überstiegen, daß Sal-vius schleunigst noch 180,000 Thaler, die erin Hamburg für eigne Rechnung bei den Kauf-leuten aufnahm, herbeizuschaffen hatte.
Derfflinger wußte in diesen mißlichen Auf-trägen und Verhandlungen sich so klug und ge-schickt zu benehmen, daß er mit Erfolg dieSache seiner Kriegsgefährten vertrat, und zu-gleich das Vertrauen des neuen Feldherrn ge-wann. Er trug wesentlich zur Abwendung derZwietracht bei, welche durch die allgemeineStimmung noch stets genährt wurde. Der An-fang des großen Friedensgeschäfts in Westpha-len hatte die Hoffnungen, der träge Fortgangdesselben die Ungeduld der Deutschen von allenParteien lebhaft aufgeregt. Selbst unter denTruppen war daS Verlangen nach endlichemAusruhen von so langwierigen Kriegesmühenallgemein, und hatte sich überdies mir der Vor-stellung großer Belohnungen verschwisterr, derenoftmalige Verheißung sich nun erfüllen sollte.Im schwedischen Heere erwachte dabei unterden Deutschen immer stärker der Gedanke desVaterlandes; der Zusammenhang der schwedi-schen und der deutsch-protestantischen Zweckelöste sich mehr und mehr, und wo nur die er-steren allein zu walten schienen, wurden so-gleich die Gemüther abwendig; es entstandenHinneigungen zu den Kaiserlichen, geheime Ein-verständnisse, offenbare Uebertritte. Jedoch inErmangelung einer Stelle, wo inmitten jenerallgemeinen Zerrüttung die Sache Deutschlandsallein und unvermischt erschienen wäre, mußtedie schwedische Seile noch durch die bloße Lageder Dinge, wenn auch nicht mehr in der Ab-sicht der Leitenden, ein großes Uebergewicht inden Augen derer behalten, welche das Vater-land nicht ohne kirchliche Freiheit denken konn-ten. In diesem Sinne mochte auch Derfflin-ger, bei mancher Unzufriedenheit, dem schwedi-schen Verhältnisse im Ganzen mit Eifer anhäng-lich bleiben.
Im März des Jahres 1642 brach Torsten -son mit dem wieder beruhigten und durch neuenZulauf verstärkten Heere auS Niedersachsen nachSchlesien auf, wo er über die Kaiserlichen großeVortheile erfocht, und nach dem Siege vonSchweidnitz in Mähren eindrang, Olmütz weg-nahm, und Slreispartheien bis in dir Gegendvon Wien vorschob. Derfflinger war auf die-sem Zuge an der Spitze seines Reiterregiments,und hatte Theil an den meisten der früherenGefechte; schon im Juli aber bekam er Auf-träge, die ihn für eine Zeit lang vom Heerentfernten. Der Fürst von Siebenbürgen, GeorgRagoczy, hatte dem schwedischen Feldherrn durchgeheime Botschaft aufs neue seine eifrige Mit-wirkung gegen den Kaiser angetragen; erwollte unter vorgeschlagenen Bedingungen nochim Herbste ein Heer in Ungarn zusammenziehnund gegen Wien vorrücken. Von den Schwe-
den verlangte er zu diesem Zwecke Hülfsgelderund die Zusage anderer Vortheile, worauf sienicht eingehen mochten, bevor nicht von der ei-genen Lage Nagoczy's und insbesondere von5 seinem Einverständnisse mit den Türken genau-ere Kundschaft erlangt wäre. Torstenson be-schloß demnach eine geheime Sendung an Ra-goczy, und sein Vertrauen ersah die OberstenDerfflinger und Plettenberg zu diesem Geschäft,10 das nicht ohne Schwierigkeit und Gefahr zuvollbringen schien. Sie sollten Ragoczy'n aufalle Weise zum Kriege antreiben, und nachUmständen in Siebenbürgen selber Mannschaftwerben, um in die Staaten des Kaisers einzu-15 fallen. Ihre Reise ging durch Polen, wo sieunter falschen Namen, als abgedankte Offiziere,die neue Anstellung suchten, unenldeckt durch-kamen, so daß sie im September bei Ragoczyglücklich anlangten. Sie fanden dessen Forde-20 rungen zwar übertrieben und seine Versprechun-gen unzuverlässig, allein ihn selbst voll Eifersund nicht ohne Mittel. Die Unterhandlungenwurden schnell so weit gefördert, als bei derfernverflochtenen Angelegenheit, die zugleich in25 Stockholm, in Konstantinopel und in Parisihre Anknüpfung hatte, fürerst möglich war-Die beiden Abgesandten hinterließen dem Für-sten die dringendste Mahnung, nur schleunigzur That zu schreiten und rasch den Krieg zu30 eröffnen, und kamen auf den nämlichen Um-wegen, die sie zur Hinreise genommen, im Ja-nuar 1643, nach sechsmonatlicher Abwesenheitwohlbehalten bei Torstenson wieder an. Derff-linger wurde von diesem sogleich weiter nach35 Stockholm abgefertigt, um der Königin Chri-stina von seiner Sendung persönlichen Berichtzu geben, und das von Ragoczy unter annehm-licheren Bedingungen vorgeschlagene Bündnißzum völligen Schluß zu bringen. Er fand bei40 der Königin eine sehr gnädige Aufnahme, wurdewegen seines Verhaltens in Kriegs- und Frie-denögeschäften schmeichelhaft belobt, und nochwährend seiner Anwesenheit in Stockholm alsältester Oberst der Reiterei zum Generalmajor45 befördert. In der Zwischenzeit während diesersicbenbürgischen Gesandtschaft hatte DerfflingersRegiment in der Schlacht bei Leipzig am 23.Oktober 1642 tapfer mitgefochte», und gleichanfangs den Sieg des rechten Flügels enkschei-50 den helfen.
Bei seiner Rückkehr nach Deutschland em-pfing Derfflinger» wieder die gewohnte Kriegs-thätigkeit. Während der langsamen und oftvöllig stockenden Friedensunterhandlungen zu55 Münster und Osnabrück dauerten die Feindse-ligkeiten mit aller Heftigkeit fort. Torstensondurchzog mit seinen Heerschaaren fast immersiegreich alles Land von der Eider bis an dieDonau bei Wien. Ihn löste zu Ende des Jah-60 res 1615 der Feldzeugmeister Karl Gustav vonWrangel im Oberbefehl ab, und führte, nichtminder siegreich als sein Vorgänger, die schwe-dischen Waffen auf seinen kühnen Zügen, inhäufigem Wechsel der Länder, bis an die Gränzt65 der Schweiz. Nachdem ihn die Laune des Krie-ges nochmals an die Weser zurückgebracht,drang er von hier neuerdings an den Main,in die Oberpfalz und nach Schwaben vor, bisendlich im Jahr 1648 die Einnahme von Praß