104 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
Handlung, und gab die Susanne, wegen der Badscene, im Sommer,so gut wie die Passion immer auf die Charwoche fallen mußte. InLarven, die bei Ayrer ausdrücklich erwähnt werden, traten wenigstenseinzelne Figuren auf; ein wenn auch anachronistisches doch prächtigeresKostüm durfte wohl auf den Schulen, aber nicht hier fehlen; häufigkommt es vor, daß Hof oder Magistrat den Spielern Kleider leiht oderschenkt, und auch jene uralte Sitte geht noch nicht aus, daß, wie sonstder Wirth dem man spielte, so jetzt der Rath' ein Faß Bier oder dergl.zum Besten gab. Die Bühne trug bei den Passions- und ähnlichenStücken wohl noch die uralte Gestalt, die man zur äußerlichen Erklärungdes Titels von Dante's Komödie, so wie der Benennung unseres Para-dieses in den Logen der Zuschauer nicht vergessen darf: es war ein Ge-rüste, dessen höhere Mitte den Himmel vorstellte, den Gott und dieEngel einnahmen, und zu dessen Füßen sich die Hölle befand. In derMitte von beiden dehnte sich das Gerüste in die Breite aus, wo es dieErde darstellte und wo die Fülle der irdischen Personen stand. Natürlichwar der Stil der Aufführung nach Ort und Gelegenheit sehr verschieden.Wo die Schulmeister und Pastoren ernste Stücke dirigirten, mag das steifePathos wenigstens den Anstand aufrecht erhalten haben; wo handwerks-mäßige Rüpel ihre Kunst auf dem Land umtrugen, ging die Lächerlichkeitund Gemeinheit weit über Squentz' und Zettel's Leistungen hinaus.Rist hatte (noch im 17. Jahrh, also) von Leinewebern eine Judith auf-führen sehen, wo die Heldin einem lebenden Kalbeden Kopf absäbelte,das den Holofernes im Bette darstellte! So sah Harsdörfer den Lazaruövor einem Wirthshause aufführen; der Reiche saß mit seinen Freundenbei Tisch und sagte nichts, als: Schenk ein, trink aus, es gilt, ich werdevoll; dabei verzehrten sie eine Spansau und Kälberbraten ohne Messerund Gabeln; und Abraham sah im Rock des Pfarrers aus dem Fensterdes Wirthshauses heraus!
In diesem Zustande waren die Dinge in Deutschland, als die Schau-spielkunst der Fremde bei uns einzuwirken begann. An dem Wiener Hofeerscheint schon um 1560 ein niederländischer Spielmann Paul von Antorfmit wenigen Gesellen, seit 1569 wiederholt wälsche Komödianten, dar-unter ein Taborino schon 1570 als förmlich bestallter kaiserlicher Spiel- -mann^). Brabantische und holländische Banden trieben sich wohl schonfrüh in Niederdeutschland herum. Solche Ausläufer waren immer dieschlechtesten Pflänzlinge; es gab deren, die noch im 17. Jahrh., in Alton«
88) Vgl. Schlager, Wiener Skizzen 1838 und Sitzungsberichte der Akad. 6, I.