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Dritter Band.
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106 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.

verfaßte selbst nach dortiger Weise Possenspiele in Versen; „ein Junker Hansvon Stockfisch erhielt von Johann Siegmund von Brandenburg 220Thaler Gehalt nebst freier Station, und mußte ihm ohngefähr 1614eine Kompagnie Komödianten aus England und den Niederlanden ver-schaffen^)," und Herzog Julius von Braunschweig schrieb selbst Fast-nachtspiele in diesem Geschmacke und hatte übrigens schon um 1605fürstlich bestallte Komödianten seit einigen Jahren um sich.

Was der großen Umwälzung, die diese äußeren, englischen Einflüsseauf unser deutsches Schauspiel ausübten, wesentlich zu Grunde lag, war,daß die fremden Stücke ganz weltlicher Natur waren und durch ihreMannichfaltigkeit an den eintönigen geistlichen Spielen plötzlich sättigten.Diese trocknen Moralitäten hatten das Interesse des Volkes wecken, abermehr nur reizen als befriedigen können. Von Hans Sachsens Stücken,die einen großen Kreis weltlicher Gegenstände umschreiben, scheinenwenige gespielt worden zu sein; gewiß waren sie von allen den theatra-lischen Reizen entblößt, die grade die fremden Stücke auszeichneten.Wie nun die englische Truppe ihre historischen und romantischen Schau-spiele, auch die tragischsten mit heiteren Zwischenscencn ausgestattet,Alles im buntesten Wechsel der Gegenstände, bühnengerecht eingerichtetaufführte, wurden die eintönigen Schulstücke, und das natürlicherweisesteife Spiel der Knaben sogleich vergessen. Die Fastnachtstücke waren beiden Schulspielen verpönt, sobald aber diese Schauspieler und ihre Nach-ahmer ihre dramatisirten Possen und Schwänke voll Unflätigkeiten brach-ten, erwachte der grobianische Volksgeschmack mit Gewalt, und zeigte sichin Ayrer's Publikum nicht mehr als an dem Hofe des Herzogs HeinrichJulius von Braunschweig. Daher nun geht seit dem Erscheinen dieserKomödianten alles in dem deutschen Schauspiel, was vorher so ehrbar,kirchlich und lehrhaft war, auf Schaugepräng und auf lustige Unter-haltung aus. Auch früher war wohl einzelnes Komische eingestreut, abergleichsam mit Furcht und Zagen. Die Narren und komischen Figurensind früher von mehr ernsthafter Bedeutung und nicht haclekinartig. DieMusik, die eingestreut war, bestand höchstens aus einem Kirchenlied,nicht aus zotigen Volksliedern wie bei Aprer, nicht aus willkührlich ein-gestreuten Gesangstücken, nicht aus Tänzen und Proressionen, die nunfast nicht mehr fehlen dürfen. Sonst eröffnete ein feierlicher und ernsterProlog, aber bei Aprer eröffnen den Ramus drei Teufel mit komischerAnrede an den lärmenden Pöbel, den im übrigen geharnischte Bürger in

90) Tieck, deutsches Theater I, p. XXIV.