Band 
Dritter Band.
Seite
314
JPEG-Download
 

314 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.

die auS Mückenflügeln Fächer verfertigen, um den Schwitzenden einWindchen zu machen; und er findet es schmählich, sich daran zu freuen,Namen zu zerlegen und sie in klägliche Sprüche zu zwingen, und nochetwa eine Masse läppischer Titel hinzuzufügen, um desto mehr Stoff zurSpielerei zu haben. Wirklich ist es unglaublich, wie barbarisch und wiethöricht diese Sinnenmarter sich oft ausnimmt, wie die Pegnitzerdiese Gattung nennen, die übrigens noch ärgere Spielerei trieben na-mentlich mit Bilderschriften, mit versteckten Jahrzahlen, mit Hiero-glyphen und Chiffern einer andern Art, -wo die Bilder nicht bedeutenwas sie darstellen, sondern, dem Gegenstände nach gleichgültig, bloßdurch ihre Formen Buchstaben und Worte bilden.

Wir wollen in dieser Materie abbrechen und auf die poetische Sa-tire übergehen. Wir thun es hierorts zufolge jener Ansicht der Zeit,daß die Satire nur ein längeres Epigramm sei, und weil diese Gattungzugleich eine gelehrte Bearbeitung erfuhr, also den allgemeinen Gangder Literatur theilte. Juvenal und Persius wurden zugleich mit Martialbekannt und nachgeahmt. Von einer andern Seite betrachtet, konntenwir die Satire als das Gegenstück der Idylle behandeln, nicht alleinnach den innern Gegensätzen dieser Gattungen, die wir früher angaben,sondern auch selbst nach der bildlichen Betrachtungsart der Zeit, indemnämlich Birken die Satiren von den Schäfern herleitet, die wenn sie indie Städte gegangen und das böse Leben gesehen, mit dergleichen Ge-dichten die Städter auszumachen gepflegt und dafür den SchimpfnamenSatyrn erhalten hätten. Zwar nicht aus dem Gesichtspunkt eines arka-dischen Schäferlebens, aber doch aus dem der guten alten Zeit der Väterbetrachtet Joh. Wilh. Lauremberg (1591 —1659) in Rostock inseinen berühmten vier niederdeutschen Scherzgedichten"-') die Lage derGegenwart die ihm nicht gefällt. Er ist in diesen Satiren nur entferntvon der neuen Dichtkunst berührt; er hat keine Freude an ihren Regeln;er baut seine Alexandriner wo er sie gebraucht nichts weniger als ängst-lich ; er schreibt im Vvlksdialekte. Seine drolligen Gleichnisse über dieer selbst scherzt, seine derben und unzüchtigen Geschichtchen, die er ein-sticht, gehören ganz dem alten Geschlechte an, seine ganze Weise ist dort-her entlehnt und ausdrücklich soll sein Stil nicht höher gehn als derseines Vaters gethan hat. Der greifliche Volksspaß, der naive

195) Die erste Ausgabe: Veer Schertz-Gedichte u. f., In Nedderdüdischgerimet durch Hanß Willmsen L. Rost. 1KZ2. Sie find schon 1654 durch C. Chr.Dedekind, mit Ausnahme des Vierten, ins Oberdeutsche übersetzt.