Band 
Erster Band.
Seite
485
JPEG-Download
 

ficht der politischen Verhältnisse Deutschlands im Jahr 1706 zugewinnen.

Carl XII. von Schweden hatte (1632) nach dem Todeseines Vaters ini kaum vollendeten zehnten Jahre den Thron des-selben bestiegen. Die Unmündigkeit des jungen Königs schien denmächtigen Nachbarstaaten ein günstiger Zeitpunkt, ihre lang genähr-ten Vergrößerungs-Absichten auszuführen.

Im Jahr 1699 kam das Schutz- und Trutzbündniß zwischenKönig Friedrich IV. von Dänemark, dem russischen CzaarPeter I. und dem Könige August II. von Sachsen, der zugleichWahlkönig von Polen war, zu Stande.

Die nächste Veranlassung zum Ausbruche der Feindseligkeitengab von Seiten Dänemarks, auf dessen Throne der ältere Zweigdes Hauses Oldenburg saß, die Anmaßung, im Lande des jüngern,im Hcrzogthum Holstein, wo der Gemahl von Karls XII. ältesterSchwester regierte, die Rechte der Oberherrlichkeit auszuüben.

Während die Dänen Holstein überschwemmten, erschienen dieSachsen mit den Polen vor Riga, und zugleich die Moskowitervor Narva.

In diesem Andränge der von allen Seiten gleichzeitig los-brechenden Gefahr entwickelte sich mit einem Male alles Große undAußerordentliche, das in der Seele des königliche» Jünglings lag.Im achtzehnten Jahre trat er an die Spitze des Reiches und desHeeres mit der Kraft eines genialen Feldherrn und mit der Umsichtdes reifen Staatsmannes. Mit Hülfe von holländischen und han-novcranischen Truppen spielte er mit beispielloser Schnelligkeit denKrieg in das Land seiner verbündeten Feinde und zwang durchsein rasches Erscheinen vor Kopenhagen den König von Däne-mark zu dem schmählichen Friedensschlüsse von Travendahl (18. Au-gust 1700), in Folge dessen dieser dem Herzoge von Holstein allebestrittcnen Rechte zugestehen, und sich vom Bunde lossagen mußte.

Nach der Demüthigung dcö einen seiner Feinde wendete sichKarl sofort zur Befreiung von Liefland. Mit nicht mehr als10,000 Mann schlug er bei Narva (30. Nov. 1700) die 80,000Mann starken Russen unter Scheremeteff bis zur Vernichtung,und faßte hierauf den Entschluß, auch den dritten Gegner, denKönig von Polen, mit ganzer Kraft niederzuwerfen, und nicht